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Unveränderter Text aus ZCT Heft 2, 1989 Aktuelle Ergänzungen am Ende des Textes Nach zahlreichen halbsynthetischen Antibiotika (Penicilline/Cephalosporine) und vollsynthetischen Chemotherapeutika (Chinolone) kommt mit Teicoplanin (TARGOCID) in diesen Monaten eine neue antibakteriell wirksame Substanz auf den Markt, die - wie in guten alten Zeiten - direkt aus der Kulturflüssigkeit eines Mikroorganismus gewonnen wird.1 Chemische Struktur Komplexe Moleküle, wie sie den sogenannten Glykopeptid-Antibiotika zugrunde liegen, lassen sich nicht am Schreibtisch erfinden - derartig zusammengesetze Strukturen kommen wohl nur als "Naturprodukte" vor. So ist das neue Antibiotikum Teicoplanin, das dem Vancomycin (VANCOMYCIN "LILLY") chemisch nahe verwandt ist, ein Fermentationsprodukt von Actinoplanes teichomyceticus und besteht aus einem Komplex von sechs ähnlich aufgebauten Komponenten. Jede Komponente besteht aus einem linearen Heptapeptid mit zwei chlorierten Hydroxytyrosin-Resten und fünf substituierten Phenylglycin-Einheiten. Als Zucker-Anteile sind D-Mannose, N-Acetyl-D-glucosamin und Acyl-glucosamin vorhanden. An dem zuletzt genannten Bestandteil unterscheiden sich die Einzelkomponenten durch unterschiedliche Fettsäuresubstitution; sie werden als TA2-1 bis TA2-5 und TA3 bezeichnet. Diese Fettsäuresubstitution ist also typisch für das Molekül und bedingt die höhere Lipophilie im Vergleich zu Vancomycin. Wirkungsmechanismus Mit weitgehender Sicherheit kann angenommen werden, daß beide Glykopeptid-Antibiotika über einen ähnlichen molekularen Mechanismus antibakteriell wirksam werden. Ähnlich wie die ß-Laktamantibiotika hemmen sie die bakterielle Zellwandsynthese - im Unterschied zu diesen Antibiotika binden sie jedoch an vorgeformte Zellwandbestandteile ("Substrate") und nicht an die an der Synthese beteiligten Enzyme. Dadurch läßt sich erklären, warum erstens keine Kreuzresistenz zwischen Glykopeptiden und ß-Laktamantibiotika besteht und zweitens warum bisher keine "one-step"-resistenten Mutanten gefunden wurden. Es erscheint plausibel, daß ein Bakterium eher mit einer Mutation der Enzymsysteme überleben kann, als mit einer Mutation, die Veränderungen in der Peptidoglykan-Grundstruktur bewirkt. Antibakterielle Wirkung Teicoplanin wirkt im allgemeinen bakterizid, wobei meist Konzentrationen erforderlich sind, die der doppelten bis vierfachen minimalen Hemmkonzentration entsprechen. Das Wirkungsspektrum des Antibiotikums umfaßt anaerobe und aerobe grampositive Keime, wie z.B. Staphylococcus aureus und S. epidermidis und andere koagulasenegative Staphylokokken, Streptococcus pneumoniae und andere Streptokokken, ferner Corynebakterien der JK-Gruppe, Listeria monocytogenes, sowie Clostridien, insbesondere C. difficile.2 Von Bedeutung ist, daß Teicoplanin auch bei solchen Staphylokokken wirkt, die sich resistent gegenüber Penicillinen und Cephalosporinen verhalten und bei denen die Resistenz nicht durch die Bildung von ß-Laktamasen erworben wurde (sog. methicillin- bzw. oxacillinresistente Staphylokokken). Gegenüber gramnegativen Erregern ist Teicoplanin nicht wirksam. Pharmakokinetisches Verhalten1,3,4 Teicoplanin wird nach oraler Gabe nicht absorbiert und muß intravenös
oder intramuskulär verabreicht werden; die Elimination erfolgt unverändert
renal. Charakteristisch für die Substanz ist eine lange Eliminationshalbwertzeit.
Nach einmaliger Applikation besteht zunächst eine vergleichsweise
rasche Verteilungsphase; schließlich läßt sich aus den
Konzentrationszeitkurven eine terminale Halbwertzeit von etwa 40 Stunden
erkennen, nach mehrfacher Gabe werden sogar Werte von ca. 100 Stunden und
mehr ermittelt. Damit besteht ein wesentlicher Unterschied zu Vancomycin:
für diese Substanz wurden Halbwertzeiten zwischen 4 und 6 Stunden
gefunden.
Klinische Anwendung Dem engen Wirkungsspektrum und pharmakokinetischen Eigenschaften entsprechend kommt Teicoplanin bei schweren Infektionen durch grampositive Erreger (Staphylokokken, Streptokokken), bei denen eine parenterale Behandlung notwendig ist, in Betracht. Endokarditis und Septikämien sind typische Beispiele für derartige Infektionen, bei denen Vancomycin oder Teicoplanin eingesetzt werden können. Aus dem unterschiedlichen pharmakokinetischen Verhalten der Substanzen ergeben sich unterschiedliche Dosierungsintervalle: während Vancomycin 2- bis 4-mal täglich infundiert wird, muß Teicoplanin nur 1-mal täglich verabreicht werden. Dabei werden in der Regel zunächst 400 mg (ca. 6 mg/kg KG) gegeben und an den folgenden Tagen jeweils die Hälfte dieser Dosis. Bei schweren Infektionen kann die Dosierung verdoppelt werden. Aufgrund der verzögerten Elimination und der praktischen Vorteile, die sich daraus ergeben, bestehen gewisse theoretische Vorteile gegenüber Vancomycin. Falls sich bei häufigerer Anwendung bestätigt, dass die neue Substanz auch besser verträglich ist, könnten die Argumente für Teicoplanin als Mittel der Wahl überwiegen. Nebenwirkungen Während der klinischen Erprobung des Antibiotikums wurden gelegentlich die folgenden unerwünschten Arzneimittelreaktionen beobachtet: allergische Komplikaionen (Erytheme, Exantheme, Bronchospasmen, anaphylaktische Reaktionen), lokale Unverträglichkeit (Schmerzen an der Injektionsstelle, Phlebitis) und Veränderungen bei Laborwerten (Transaminasen, Kreatinin, Blutbild). In Einzelfällen - meist jedoch bei Patienten, die gleichzeitig Aminoglykosid-Antibiotika erhielten - wurden ototoxische Reaktionen gesehen (leichter Hörverlust, Tinnitus, vestibuläre Störungen). In einer Studie5, in der 310 Patienten mit diversen Infektionen durch grampositive Erreger behadelt wurden, kam es bei 7,7% der Patienten zu unerwünschten Wirkungen; nur in 6 Fällen mußte die Behandlung abgebrochen werden (Allergie, Bronchospasmus, leichter Tremor). Weitere Erfahrungen zur Verträglichkeit sind jedoch erforderlich, bevor eine genaue Nutzen/Risiko-Bewertung und ein Vergleich mit anderen Substanzen vorgenommen werden können. Ein "red-man-syndrome", wie es nach zu rascher Infusion von Vancomycin vorkommen kann, wurde unter Teicoplanin nicht gesehen. Zusammenfassung Teicoplanin (TARGOCID) ist ein neues Glycopeptid-Antibiotikum. Es wirkt
- wie das nahe verwandte Vancomycin (VANCOMYCIN HCL) - gegen grampositive
Erreger. Die Resistenzsituation ist als günstig zu bezeichnen. Teicoplanin
wird nach oraler Gabe nicht absorbiert und muß deshalb intravenös
oder intramuskulär verabreicht werden; es wird unverändert renal
eliminiert. Von Vorteil könnte die relativ lange Halbwertzeit der
neuen Substanz sein, weil das Antibiotikum deshalb nur einmal täglich
gegeben werden muß. Als wichtigste Indikationen kommen Endokarditis
und Septikämie in Betracht. Insgesamt scheint Teicoplanin gut verträglich
zu sein. Die häufigsten Nebenwirkungen betreffen allergische Reaktionen
und lokale Unverträglichkeitsreaktionen.
1. Wissenschaftliche Information des Herstellers (Merrell
Dow Pharma, Rüsselsheim) zu Targocid
Seit seiner Einführung hat sich das Glycopeptid Teicoplanin als Alternative zu Vancomycin in der Klinik und im ambulanten Bereich bewährt. Seit der Erstellung und Veröffentlichung dieses Artikels in der Zeitschrift für Chemotherapie (Heft 2, 1989) sind zahlreiche weitere Arbeiten über Teicoplanin publiziert worden. Insbesondere soll an dieser Stelle auf die folgenden Übersichtsarbeiten hingewiesen werden: Lundstrom
TS, Sobel JD. Antibiotics for gram-positive bacterial infections. Vancomycin,
teicoplanin, quinupristin/dalfopristin, and linezolid.
Nathwani
D. Non-inpatient use of teicoplanin.
Wood
MJ. The comparative efficacy and safety of teicoplanin and vancomycin.
Brogden
RN, Peters DH.
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