Saquinavir
-
ein Hemmstoff der
HIV-Protease
Unveränderter
Text aus
ZCT Heft 1, 1997
Aktuelle
Ergänzungen am Ende
des Textes
Nukleosid-Analoga (z. B.
Zidovudin)
sind Hemmstoffe der HIV-spezifischen reversen
Transkriptase.
Sie stehen zur Behandlung von Patienten mit HIV-Infektion schon seit 10
Jahren zur Verfügung. Zumeist bewirken sie nur eine geringe
Verzögerung
des Krankheitsverlaufes und eine Heilung ist nicht möglich. Als
eine
sinnvolle Ergänzung dieser Chemotherapeutika können die
Hemmstoffe
der Protease angesehen werden. Die Protease ist ebenfalls ein
viruseigenes
Enzym, welches eine zunächst synthetisierte lange Polyproteinkette
an definierten Positionen spaltet (z. B. zwischen den Aminosäuren
Phenylalanin
und Prolin). Da diese Proteine wesentliche Bestandteile für
neu
gebildete Viruspartikel sind, bedeutet eine Hemmung dieses Schrittes,
daß
die Neuinfektion von Zellen durch HIV verhindert werden kann.

Strukturformel
Saquinavir
Antivirale
Wirkung
Ein erstes Medikament aus dieser neuen Gruppe
ist Saquinavir
(INVIRASE)
1. Die Substanz ist ein
peptidähnliches
Struktur-Analogon für die charakteristischen Spaltungsstellen der
HIV-Proteinase, welche reversibel gehemmt wird.
In vitro Untersuchungen
an HIV-infizierten Zellen zeigten, daß die Substanz in
nanomolaren
Konzentrationen antiviral wirksam ist. In Kombination mit Hemmstoffen
der
reversen Transkriptase (Nukleosid-Analoga) besteht eine additive bis
synergistische
Wirkung gegen HIV.
Pharmakokinetik
Die Bioverfügbarkeit von Saquinavir
beträgt nur
etwa 4% und die Variabiliät ist erheblich (zwischen 1% und 9%)
2.
Diese Werte wurden bei gesunden Probanden ermittelt, die das Medikament
als Einzeldosis von 600 mg zusammen mit einem reichhaltigen
Frühstück
eingenommen hatten. Als Gründe für die schlechte
Bioverfügbarkeit
werden sowohl eine unvollständige Resorption als auch ein
ausgeprägter
First-Pass-Metabolismus angenommen. Da die Bioverfügbarkeit bei
gleichzeitiger
Nahrungsaufnahme besser ist, wird empfohlen, das Virustatikum innerhalb
von 2 Stunden nach dem Essen einzunehmen. Nach 3-mal täglicher
Gabe
von 600 mg liegen die Plasmakonzentrationen von Saquinavir bei fast
allen
Patienten (98%) über den antiviral wirksamen Konzentration.
Saquinavir
wird zu 98% an Plasmaproteine gebunden und das Verteilungsvolumen wurde
mit 10 l/kg berechnet. Die Eliminationshalbwertzeit beträgt etwa 2
Stunden.
1
Interaktionen
Die Metabolisierung von Saquinavir erfolgt in
der Leber vor
allem durch die Monooxygenase CYP3A4. Durch dieses Cytochrom
P450-Isoenzym
werden auch zahlreiche andere Fremdstoffe metabolisiert und es kann
daher
erwartet werden, daß Interaktionen mit anderen Arzneimitteln und
Nahrungsbestandteilen vorkommen [Phenobarbital (LUMINAL u.a.),
Phenytoin
(ZENTROPIL u.a.), Dexamethason (FORTECORTIN u. a.), Carbamazepin
(TEGRETAL
u.a.)]. Durch gleichzeitige Gabe von Rifampicin (RIFA u. a.) wird die
Plasmakonzentration
des Proteaseinhibitors zum Beispiel um 80% reduziert. Weil es durch die
Enzyminduktion zu subtherapeutischen Konzentrationen von Saquinavir
kommen
kann, soll die Kombination beider Medikamente vermieden werden.
Andererseits
führt die gleichzeitige Gabe von Grapefruitsaft zu einem Anstieg
der
Saquinavir-Bioverfügbarkeit um 50% bis 100%. Auch mit Ketoconazol
(NIZORAL u.a.) und ähnlichen Azol-Antimykotika kann es zu
Interaktionen
kommen. Die meisten der möglichen Interaktionen werden für
den
"Durchschnittspatienten" als "klinisch nicht relevant" angesehen
werden.
Eine erhebliche individuelle Variabilität sollte jedoch bedacht
werden:
bei einigen Menschen macht das Isoenzym CYP3A4 bis zu 60% des gesamten
Cytochrom-P450 in der Leber aus, während dieser Werte bei anderen
unter 10% liegt.
Klinische Wirksamkeit und
Verträglichkeit
Saquinavir ist in mehreren klinischen Studien
bei HIV-infizierten
Patienten eingesetzt worden
1,2,3. Die
Erkrankung
war bei den einzelnen Kollektiven unterschiedlich weit fortgeschrtitten
und die Teilnehmer waren zuvor entweder unbehandelt oder hatten bereits
Zidovudin
(RETROVIR)
als antiretrovirale Therapie bekommen. Im Verlauf einer Monotherapie
mit
Saquinavir nimmt die Empfindlichkeit der Erreger ab. Die besten
Ergebnisse
sind also zu erwarten, wenn der Proteaseinhibitor in Kombination mit
Nukleosid-Analoga
eingesetzt wird. Die Monotherapie wurde sowohl mit der gleichzeitigen
Verabreichung
von Zidovudin als auch mit einer Dreifachkombination aus Saquinavir,
Zidovudin
und
Zalcitabin
(HIVID) verglichen (Dosierungen: 600 mg, 200 mg und 0,75 mg, jeweils
dreimal
täglich). Dabei erwies sich die Dreifachkombination als besonders
wirksam. Die Anzahl der CD4-Zellen im Blut war höher und die
Virusbelastung
war geringer als in den anderen Gruppen. AIDS-definierende Erkrankungen
traten seltener auf und die Überlebenszeit war geringfügig
verlängert.
Dabei erwies sich Saquinavir als relativ gut verträglich. Am
häufigsten
wurden gastrointestinale Reaktionen beobachtet. Eine Diarrhö trat
bei 16% der Patienten auf, doch war der Kausalzusammenhang mit dem
Medikament
nicht immer eindeutig. In Kombination mit Nukleosid-Analoga, wie
Zidovudin
oder Zalcitabin, wird das Toxizitätsprofil dieser Substanzen durch
Saquinavir nicht erkennbar verändert. Weitere klinische
Erfahrungen
mit größeren Patientengruppen sind notwendig, bevor eine
endgültige
Aussage zur Verträglichkeit des neuen Medikamentes gemacht werden
kann.
ZUSAMMENFASSUNG
Saquinavir (INVIRASE) ist ein Hemmstoff der
HIV-spezifischen
Protease. Die Substanz wirkt bereits in geringen Konzentrationen
antiviral.
Die Bioverfügbarkeit ist sehr gering und variabel, doch offenbar
ausreichend,
um therapeutisch wirksam zu sein. Als Nachteil muß auch die
Beeinflussung
hepatischer Monooxygenasen angesehen werden. Zahlreiche
Wechselwirkungen
mit anderen Medikamenten wurden beschrieben. Insbesondere in der
Kombination
mit Nukleosid-Analoga, wie
Zidovudin
(RETROVIR) oder
Zalcitabin
(HIVID), war jedoch eine relativ gute klinische Wirksamkeit und
Verträglichkeit
bei HIV-infizierten Patienten feststellbar. Die Entwicklung der neuen
Proteaseinhibitoren
stellt einen wichtigen Schritt zur Verbesserung der Therapie von
HIV-infizierten
Patienten dar, doch gilt nach wie vor, daß die Erkrankung nicht
heilbar
ist. Dreifachkombinationen aus zwei Nukleosid-Analoga und einem
Proteaseinhibitor
stellen zur Zeit offenbar die günstigste
Behandlungsmöglichkeit
dar.
1. Moyle, G. Exp. Opin. Invest. Drugs 1996; 5:155-167
2.
Fachinformation Invirase,
Hoffmann-La
Roche, Stand:
Oktober 1996