
|
Unveränderter Text aus ZCT Heft 1, 2003 ![]() Aktuelle Ergänzungen am Ende des Textes Neben
den üblichen intensivmedizinischen
Maßnahmen stellt eine möglichst
gezielte antibiotische Behandlung die Basis der
Sepsistherapie dar.
Zahlreiche
Antibiotika mit hoher antibakterieller
Aktivität stehen zur
Verfügung –
trotzdem ist es seit Jahrzehnten kaum gelungen,
die Letalität der
Sepsis
wesentlich zu senken. Pathophysiologisch handelt
es sich bei der Sepsis
und dem septischen Schock um eine
proinflammatorische und
prokoagulatorische
Antwort des Wirtsorganismus auf invasive Erreger.
Dabei spielt vor
allem
die exzessive Aktivierung der Blutgerinnung in der
Mikrozirkulation
eine
Rolle. Es liegt daher nahe, in den komplexen
pathophysiologischen
Ablauf
des Sepsissyndroms neben der Antibiotikatherapie
auch mit anderen
Medikamenten
einzugreifen. Leider sind zahlreiche entsprechende
Versuche in den
vergangenen
zwei Jahrzehnten fehlgeschlagen - dies gilt zum
Beispiel für die
Gabe von
Antikörpern gegen Endotoxin, TNF-alpha oder
Interleukine.
Andere
therapeutische Ansätze haben jedoch in
jüngster Zeit Fortschritte
bei der Behandlung der Sepsis gebracht. Hierzu
zählen: (1) die
intensive
Behandlung der gestörten Hämodynamik,
(2) die Behandlung
einer relativen
Nebenniereninsuffizienz mit niedrigdosierten
Glukokortikoiden, (3) die
konsequente Normalisierung des Blutzuckerspiegels
durch Insulin und (4)
die intravenöse Gabe von aktiviertem Protein
C. Rekombinantes
aktiviertes
Protein C ist seit kurzem in Europa unter dem
Namen Drotrecogen
(XIGRIS)
im Handel.
Drotrecogen ist ein
Glykoprotein mit einem
Molekulargewicht
von 46.000
Dalton (ohne Kohlenhydratanteil). Die inaktive
Vorstufe des Proteins
wird
biotechnologisch in einer humanen
Nierenzelllinie hergestellt,
chromatographisch
gereinigt und durch Thrombin aktiviert; von dem
physiologischen Protein
unterscheidet es sich nur geringfügig im
Kohlenhydratanteil des
Moleküls.
Das Protein weist Serinprotease-Aktivität
auf und ist ein
wichtiger Regulator
der Blutgerinnung. Es begrenzt die
Thrombinbildung durch Inaktivierung
der Faktoren Va und VIIIa, was zu einer
negativen Rückkopplung auf
die
Blutgerinnung führt. Außerdem ist das
Protein ein wichtiger
Modulator der
systemischen Infektantwort und besitzt
antithrombotische und
profibrinolytische
Eigenschaften.
Pharmakokinetische
Eigenschaften
Innerhalb
von zwei Stunden werden mit Drotrecogen bei
kontinuierlicher
Infusion steady-state-Spiegel erreicht. Nach
Beendigung der Infusion
wird
die Substanz initial mit einer Halbwertzeit von 13
Minuten rasch
eliminiert,
anschließend folgt eine langsamere zweite
Phase, für die
eine Halbwertzeit
von 1,6 Stunden berechnet wurde. Drotrecogen wird
durch endogene
Proteaseinhibitoren
inaktiviert, der Mechanismus der Plasmaclearance
ist jedoch unbekannt.
Bei Patienten mit schwerer Sepsis war durch
Niereninsuffizienz und
Leberdysfunktion
die Plasmaclearance signifikant verringert, aber
das Ausmaß der
Clearancereduktion
liegt bei weniger als 30% und erfordert keine
Dosisanpassung.1
Therapie Im
März 2001 wurde erstmals über eine
Senkung der
Letalität durch Drotrecogen
bei Patienten mit schwerer Sepsis oder septischem
Schock berichtet2,
im September 2002 erschienen in einer Ausgabe des
New England Journal
of
Medicine fünf weitere fundierte
wissenschaftliche Beiträge,
die sich aus
unterschiedlicher Perspektive mit dem rationalen
Einsatz dieses neuen
Arzneimittels
beschäftigten.3,4,5,6,7
Die
empfohlene Dosierung von Drotrecogen beträgt
24 mg
/ kg pro Stunde
über einen Zeitraum von 96 Stunden. Die
Sterblichkeit lag in der
primären,
umfangreichen Doppelblindstudie an mehr als 1600
Patienten („PROWESS“)
bei 30,8% in der Placebo-behandelten
Kontrollgruppe und bei 24,7% in
der
Gruppe mit der Protein C-Therapie; der Unterschied
war statistisch
signifikant
(p = 0,005). Die Ausschlusskriterien umfassten
Patienten mit einem
hohen
Blutungsrisiko, Patienten mit schlechter, nicht
Sepsis-bedingter
Prognose,
Patienten mit chronischer Dialysepflicht und
andere Patientengruppen
mit
schweren Grunderkrankungen. Die Reduktion der
Sterblichkeit
beschränkte
sich auf die Subgruppe von Patienten mit einem
höheren Schweregrad
der
Erkrankung, d. h. mit einem APACHE II Ausgangswert
von > 25 oder
mindestens
zwei Organdysfunktionen. In der Subgruppe der
Patienten mit niedrigerem
Schweregrad der Erkrankung wurde keine niedrigere
Sterblichkeit
beobachtet.
Andererseits war jedoch die erzielte Reduktion der
Sterblichkeit
unabhängig
von Alter, Geschlecht und Infektionstyp. Die
Zulassung des
Arzneimittels
wurde daher auf Patienten mit schwerer Sepsis und
multiplem
Organversagen
als zusätzliche Maßnahme zur
Standardtherapie
beschränkt.
Die
Kosten der Behandlung sind ungewöhnlich hoch.
Berechnungen zeigten,
dass unter Berücksichtigung der Kosten von
etwa 6.800 US$ pro
therapeutischem
Einsatz von XIGRIS und der bisher vorhandenen
Wirksamkeitsdaten etwa
20.000
bis 30.000 US$ pro gewonnenem Lebensjahr zu
veranschlagen sind.3
Unerwünschte
Wirkungen
Da
Drotrecogen das Blutungsrisiko erhöhen kann,
ist das
Medikament kontraindiziert
bei aktiver innerer Blutung, gleichzeitiger
Heparintherapie, einer
Thrombozytopenie,
bekannter Blutungsneigung sowie generell bei
Patienten mit
erhöhtem Blutungsrisiko.
Eine detaillierte Analyse der intrakraniellen
Blutungen bei 13 von
insgesamt
2.786 Patienten zeigte, dass neun dieser Blutungen
bei Patienten mit
Werten
von < 30.000 Thrombozyten / µl auftraten,
die überwiegend
an Meningitis
erkrankt waren.4
ZUSAMMENFASSUNG Aktiviertes Protein C (XIGRIS) stellt einen therapeutischen Fortschritt in der Behandlung der schweren Sepsis und des septischen Schocks dar. Bedingt durch seine antithrombotischen, profibrinolytischen und antiinflammatorischen Wirkungen sind erstmals positive Therapieergebnisse bei dieser schweren Infektion mit hoher Letalität nachgewiesen worden. Das hohe Preisniveau und das Blutungsrisiko erfordern allerdings einen möglichst gezielten Einsatz. Nur Patienten mit einer schweren Sepsis (mindestens zwei Organdysfunktionen) oder einem septischen Schock sollten mit dem Arzneimittel behandelt werden. Es ist kontraindiziert, wenn eine volle Antikoagulation nicht möglich wäre. 1. Fachinformation
XIGRIS, Lilly Deutschland,
Bad Homburg,
Juni 2002
2. BERNARD GR, VINCENT JL et al. Efficacy and safety of recombinant human activated protein C for severe sepsis. N Engl J Med. 2001 Mar 8;344(10):699-709. 3. MANNS BJ, LEE H et al. An economic evaluation of activated protein C treatment for severe sepsis. N Engl J Med. 2002 Sep 26;347(13):993-1000. 4. ELY EW, BERNARD GR et al. Activated protein C for severe sepsis. N Engl J Med. 2002 Sep 26;347(13):1035-6. 5. SIEGEL JP. Assessing the use of activated protein C in the treatment of severe sepsis. N Engl J Med. 2002 Sep 26;347(13):1030-4. 6. WARREN HS, SUFFEDINI AF et al. Risks and benefits of activated protein C treatment for severe sepsis. N Engl J Med. 2002 Sep 26;347(13):1027-30. 7. WENZEL RP. Treating sepsis. N Engl J Med. 2002 Sep 26;347(13):966-7. Seit
der
Erstellung und
Veröffentlichung dieses Artikels in der
Zeitschrift für
Chemotherapie
(Heft 1, 2003) sind zahlreiche weitere
Arbeiten über aktiviertes
Protein C
publiziert
worden. Insbesondere soll an dieser Stelle auf
folgende Arbeiten
hingewiesen
werden:
1. ANGUS DC, LATERRE PF et al. The effect of drotrecogin alfa (activated) on long-term survival after severe sepsis. Crit Care Med. 2004 Nov;32(11):2199-206. 2. ABRAHAM E, LATERRE PF et al. Drotrecogin alfa (activated) for adults with severe sepsis and a low risk of death. N Engl J Med. 2005 Sep 29;353(13):1332-41. 3. PAYEN D, SABLOTZKI A et al. International integrated database for the evaluation of severe sepsis and drotrecogin alfa (activated) therapy: analysis of efficacy and safety data in a large surgical cohort. Surgery. 2007 Apr;141(4):548-61. 4. NADEL S, GOLDSTEIN B et al. Drotrecogin alfa (activated) in children with severe sepsis: a multicentre phase III randomised controlled trial. Lancet. 2007 Mar 10;369(9564):836-43. 5. LEVI M, LEVY M et al. Prophylactic heparin in patients with severe sepsis treated with drotrecogin alfa (activated). Am J Respir Crit Care Med. 2007 Sep 1;176(5):483-90. XIGRIS
(aktiviertes Protein C) vom Markt
genommen. Am
25.10.2011 informierte die
Nordamerikanische Food and
Drug-Administration
(FDA), dass die Fa. Eli Lilly auf der
Basis einer kürzlich beendeten
klinischen
prospektiven randomisierten Studie ihr
Präparat Drotrecogin alfa (XIGRIS,
aktiviertes Protein C) ab sofort vom
Markt nimmt. In der Studie
(PROWESS-SHOCK
Trial) konnte mit der XIGRIS-Behandlung
kein Überlebensvorteil demonstriert
werden. In dieser Studie wurden
insgesamt 1.696 Patienten mit schwerer
Sepsis
und septischem Schock eingeschlossen,
von denen 851 Patienten XIGRIS erhielten
und 845 Patienten dem Placebo-Arm
zugeordnet waren. Die vorläufige
Analyse, die
von der Firma Eli Lilly der FDA
eingereicht wurde, zeigte eine 28-Tage
Gesamtletalität
von 26,4 % im XIGRIS-Arm im Vergleich zu
24,2 % in der Placebo-Gruppe. Auch die
Analyse einer Subgruppe von Patienten
mit einem ausgeprägten Protein
C-Defizit
ergab keine Verminderung der
Letalität unter einer
XIGRIS-Therapie. |