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Pneumokokken-Impfstoff für Kinder
Pneumokokken (S.
pneumoniae) verursachen häufig
Infektionen der
Atemwege bei Kindern und Erwachsenen, wobei zwischen nicht-invasiven
und
invasiven, bakteriämisch verlaufenden Infektionen unterschieden
werden
muss. In Deutschland lag Ende der neunziger Jahre die Inzidenz der
invasiven
Pneumokokken-Infektionen bei unter 5-jährigen Kindern bei etwa 9
pro
100.000 (Pneumokokken-Meningitis: 4 von 100.000); trotz
Antibiotikatherapie
wird die Mortalität mit 10 bis 20% angegeben.1
Besorgniserregend ist die seit Jahren weltweit zu beobachtende Zunahme Antibiotika-resistenter Stämme des Erregers – auch unter diesem Aspekt gewinnt der Einsatz vorbeugender Massnahmen an Bedeutung.2 Wirksame Pneumokokken-Impfstoffe stehen seit mehr als 20 Jahren zur Prophylaxe der Erkrankungen zur Verfügung, doch ist ihre Anwendbarkeit aufgrund einer recht schwachen Immunantwort nicht zufriedenstellend. Die Immunantwort ist T-Zell-unabhängig und induziert nur ein schwaches "immunologisches Gedächtnis". Ihre Anwendung beschränkt sich daher auf ältere Menschen und Risikopatienten (Tabelle). Da sie bei kleinen Kindern (<2 Jahre) nicht wirksam sind, besteht ein Bedarf für eine verbesserte Vakzine. Bei dem neuen Impfstoff PREVENAR handelt es sich um einen 7-valenten Konjugat-Impfstoff, der in den USA bereits vor mehr als einem Jahr als erster Pneumokokken-Impfstoff für Säuglinge und Kinder zugelassen worden ist und nun auch in Europa zur Verfügung steht.3 Die Immunogenität wurde verbessert, indem nach dem Vorbild des erfolgreichen Hib-Impfstoffs (z.B. HIB MERIEUX) die Polysaccharide an CRM197-Trägerprotein konjugiert wurden (CRM197 ist ein nichttoxisches Diphtherie-Toxin-Analogon). Der Impfstoff enthält die 7 Serotypen (4, 6B, 9V, 14, 18C, 19F, 23F), die für etwa 80% der invasiven Pneumokokken-Erkrankungen wie Sepsis und fast 90% der Fälle von Pneumokokken-Meningitis bei Kindern unter 2 Jahren verantwortlich sind.4 Die Immunogenität, Verträglichkeit und
Wirksamkeit des neuen
Impfstoffs wurde in einer umfangreichen Doppelblindstudie in
Kalifornien
an mehr als 37.000 Kleinkindern untersucht. Im 2., 4., 6. und im 12.
bis
15. Lebensmonat erhielten die Probanden jeweils eine Dosis des
Impfstoffs
oder sie wurden mit einem Kontrollimpfstoff
(Meningokokken-Konjugatimpfstoff)
geimpft. Im Verlauf der Studie traten insgesamt 52 invasive
Erkrankungen
durch Serotypen des Impfstoffs auf. Die errechnete serotypspezifische
Wirksamkeit
des Impfstoffs lag bei 90%, je nach klinischer Bedeutung der in
verschiedenen
Regionen Europas durch den Impfstoff erfassten Serotypen kann in diesen
Gegenden eine Effektivität zwischen 65% und 79% angenommen werden.3,5
Dieses Resultat gilt jedoch nur für invasive Infektionen, also
Sepsis,
Meningitis und andere hämatogene Infektionen. Davon abzugrenzen
ist
die Frage einer Wirksamkeit bei den viel häufigeren
nicht-invasiven
Pneumokokken-Infektionen der Atemwege (Otitis media, Pneumonie).
Über
einen protektiven Effekt bei Otitis media wurde von einer Arbeitsgruppe
aus Finnland berichtet, doch bezog er sich naturgemäß nur
auf
die in der Vakzine vorhandenen Serotypen.6
Gleichzeitig wurden in der Gruppe der geimpften Kinder aber 33% mehr
Episoden
durch alle anderen Serotypen als in der Kontrollgruppe verzeichnet. Vor
allzu optimistischen Schlussfolgerungen aus dieser Studie ist daher
auch
gewarnt worden.7
Reaktionen an der
Injektionsstelle (Schwellung, Erythem),
leichtes Fieber,
Reizbarkeit und unruhiger Schlaf sind die häufigsten
unerwünschten
Wirkungen der Impfung. Vor allem bei der Auffrischimpfung kam es bei
jedem
dritten Kind zu einer vorübergehenden Druckempfindlichkeit, die
häufig
mit einer beeinträchtigten Beweglichkeit der Gliedmassen verbunden
war. Gelegentlich traten Exantheme bzw. Urtikaria auf.
Krampfanfälle
waren selten (< 1:1000).3
ZUSAMMENFASSUNG Ein neuer, heptavalenter Pneumokokken-Konjugat- Impfstoff, PREVENAR, bietet einen hochwirksamen Schutz gegen invasive Pneumokokken-Infektionen im Kindesalter. Damit bestehen neue Optionen zur Vorbeugung dieser lebensbedrohlichen Erkrankungen im Kindesalter. Der Impfstoff scheint auch vor nicht-invasiven Pneumokokken-Infektionen, wie z. B. Otitis media, zu schützen, jedoch sind die Auswirkungen eines breiten Einsatzes noch nicht mit allen Konsequenzen vorhersehbar. Der Impfstoff war insgesamt gut verträglich, nicht selten kommt es jedoch zu lokalen Reaktionen sowie leichtem Fieber. 1. VON
KRIES R, SIEDLER A et al. Proportion
of invasive pneumococcal infections in German children
preventable by pneumococcal conjugate vaccines. Clin Infect Dis. 2000 Aug;31(2):482-7. 2. REINERT RR, SIMIC S et al. Antimicrobial resistance of Streptococcus pneumoniae recovered from outpatients with respiratory tract infections in Germany from 1998 to 1999: results of a national surveillance study. J Clin Microbiol. 2001 Mar;39(3):1187-9. 3. FACHINFO PREVENAR, Wyeth Lederle, Januar 2001 4. ESKOLA J. Immunogenicity of pneumococcal conjugate vaccines. Pediatr Infect Dis J. 2000 Apr;19(4):388-93. 5. BLACK S, SHINEFIELD H et al. Efficacy, safety and immunogenicity of heptavalent pneumococcal conjugate vaccine in children. Northern California Kaiser Permanente Vaccine Study Center Group. Pediatr Infect Dis J. 2000 Mar;19(3):187-95. 6. ESKOLA J, KILPI T et al. Efficacy of a pneumococcal conjugate vaccine against acute otitis media. N Engl J Med. 2001 Feb 8;344(6):403-9. 7. LAVIN A. A pneumococcal conjugate vaccine and acute otitis media. N Engl J Med. 2001 May 31;344(22):1719 Tabelle: Pneumokokken-Impfstoffe
Aktuelle Ergänzungen (Dezember 2009) Seit der Erstellung
und Veröffentlichung dieses Artikels
in der Zeitschrift für Chemotherapie (Heft 4, 1998) sind
zahlreiche
weitere Arbeiten über Prevenar publiziert worden.
Insbesondere
soll an dieser Stelle auf die folgenden Arbeiten hingewiesen werden:
1. DE ROUX A, SCHMOLE-THOMA B et al. Comparison of pneumococcal conjugate polysaccharide and free polysaccharide vaccines in elderly adults: conjugate vaccine elicits improved antibacterial immune responses and immunological memory. Clin Infect Dis. 2008 Apr 1;46(7):1015-23. 2. HANAGE WP, HUANG SS et al. Diversity and antibiotic resistance among nonvaccine serotypes of Streptococcus pneumoniae carriage isolates in the post-heptavalent conjugate vaccine era. J Infect Dis. 2007 Feb 1;195(3):347-52. 3. TSIGRELIS C, TLEYJEH IM et al. Decreases in case-fatality and mortality rates for invasive pneumococcal disease in Olmsted County, Minnesota, during 1995-2007: a population-based study. Clin Infect Dis. 2008 Dec 1;47(11):1367-71. 4. JACOBS MR, GOOD CE et al. Emergence of Streptococcus pneumoniae serotypes 19A, 6C, and 22F and serogroup 15 in Cleveland, Ohio, in relation to introduction of the protein-conjugated pneumococcal vaccine. Clin Infect Dis. 2008 Dec 1;47(11):1388-95. 5. HSU HE, SHUTT KA et al. Effect of pneumococcal conjugate vaccine on pneumococcal meningitis. N Engl J Med. 2009 Jan 15;360(3):244-56. 6. PAVIA M, BIANCO A et al. Efficacy of pneumococcal vaccination in children younger than 24 months: a meta-analysis. Pediatrics. 2009 Jun;123(6):e1103-10. |