| letzte Überarbeitung: 6.6.2003
|
Piperacillin ist ein neues, halbsynthetisches Penicillin-Derivat,
das in Kürze unter dem Namen PIPRIL in den Handel kommt.
Mikrobiologie
Die antibakterielle in vitro-Aktivität dieses Breitspektrum-Penicillins
umfaßt die Familie der Enterobacteriaceae einschließlich der
Mehrzahl der gegen viele Antibiotika oft resistenten sogenannten Problemkeime
wie Klebsiellen, Enterobacter- und Serratia-Spezies sowie indolpositive
Proteus-Stämme. Seine Wirkung gegen diese Keime, die besonders auf
Abteilungen mit großem Verbrauch an Antibiotika und hohem Selektionsdruck
eine Rolle spielen, entspricht etwa der des Mezlocillin (BAYPEN). Gegen
Pseudomonas aeruginosa ist Piperacillin ein gut wirksames Antibiotikum;
die Hemmwerte (MIC) sind mit denen des Azlocillin (SECUROPEN) vergleichbar.
Wie Ampicillin (AMPI-TABLINEN, BINOTAL u.a.) und Azlocillin
besitzt Piperacillin eine gute Aktivität gegen Enterokokken, die bei
Harnwegsinfektionen, Endokarditis und abdominellen sowie gynaekologischen
Infektionen eine Rolle spielen können. Auch anaerobe Bakterien einschließlich
Bacteroides fragilis werden von Piperacillin ebenso wie von Mezlocillin
zu einem hohen Prozentsatz (Bacteroides fragilis 80-90% bei 16 mg/l) erfaßt.
Die Wirkung gegenüber Gonokokken und Meningokokken ist mit der des
Ampicillin und Penicillin G vergleichbar. Bei Streptokokken der Gruppe
A sind Penicillin G und Ampicillin überlegen. Die Hemmwerte gegen
Haemophilus influenzae liegen drei bis vier Stufen günstiger als bei
Ampicillin, doch sind ß-Laktamase-produzierende Stämme (in Deutschland
ca. 2-3%) wegen der ungenügenden Stabilität von Piperacillin
gegenüber diesen Enzymen resistent. Aus dem gleichen Grund stellen
auch Staphylokokken-Infektionen keine Indikation für dieses Antibiotikum
dar.
In Kombination mit Aminoglykosid-Antibiotika lassen sich
gegen Enterobacteriaceae und besonders gegen Pseudomonas aeruginosa häufig
additive und synergistische Wirkungssteigerungen erzielen. Die wegen geringer
Toxizität wünschenswerte Kombination von Piperacillin oder anderen
Penicillin-Derivaten mit Cephalosporinen wird unterschiedlich beurteilt.
In Abhängigkeit vom Kombinationspartner und vom Erreger lassen sich
Wirkungssteigerungen aber auch Antagonismus in vitro erzielen. Weitere
Untersuchungen zur Klärung dieses Problems sind dringend erforderlich.
Pharmakokinetik
Piperacillin muß parenteral appliziert werden, da nach
oraler Gabe nur minimale Resorption erfolgt. Die Substanz wird mit einer
Halbwertzeit von ca. 40-60 Min. aus dem Serum eliminiert. Die Ausscheidung
erfolgt überwiegend renal (ca. 75% in 24 Stunden). Probenecid (BENEMID)
hat durch Hemmung der tubulären Sekretion einen signifikanten Effekt
auf die Ausscheidung. Da im Gegensatz zu den Acylureido-Penicillinen (Azlocillin,
Mezlocillin) bei Niereninsuffizienz keine kompensatorisch erhöhte
Ausscheidung über die Leber erfolgt, muß ab einer glomerulären
Filtrationsrate von weniger als 50 ml/min die Dosierung an die verminderte
Harnleistung angepaßt werden.
Klinische Untersuchungen
Wie mit anderen Breitspektrum-Antibiotika ließen sich
mit Piperacillin in den bisher vorliegenden Therapiestudien bei Infektionen
der Harnwege, Atemwege, bei gynaekologischen und abdominellen Infektionen
überwiegend gute Behandlungsergebnisse erzielen. Die Applikation erfolgte
in den meisten Fällen als i.v. Injektion oder Kurzinfusion in einer
Tagesdosis von 3- bis 4-mal 2-4 g; als Maximaldosis werden täglich
300 mg/kg KG empfohlen. Unverträglichkeitsreaktionen werden in einer
Häufigkeit von 9 bis 15% angegeben und sind in der gleichen Größenordnung
wie bei anderen ß-Laktam-Antibiotika. An erster Stelle stehen allergische
Reaktionen (wie Hautexanthem, Drug-Fieber) und Diarrhöen. Neurotoxische
Reaktionen sind bisher nicht bekannt. Thrombopenien können in etwa
1% auftreten; Blutungskomplikationen ergaben sich in keinem Fall.
ZUSAMMENFASSUNG
Piperacillin (PIPRIL) ist ein Breitspektrum-Penicillin mit
guter Aktivität gegen viele Enterobakterien, Pseudomonas aeruginosa
sowie gramnegative und grampositive Kokken mit Ausnahme von Staphylokokken.
Differential-Indikation gegenüber Cephalosporinen sind in erster Linie
Enterokokken- und Pseudomonas-Infektionen. Die Dosierung muß der
Nierenfunktion angepaßt werden, die übliche Tagesdosierung liegt
zwischen 6,0 und 16,0 g. Als Nebenwirkungen treten am häufigsten allergische
Reaktionen und Diarrhöen auf. Noch ungeklärt ist die Position
dieses Penicillin im Vergleich zu Azlocillin (SECUROPEN); Mezlocillin (BAYPEN)
und Ticarcillin (AERUGIPEN). Über den Erfolg dieses Präparates
werden empfohlene tägliche Dosierung (auch unter Berücksichtigung
möglicher Pseudomonas-Infektionen), der Preis und der Umfang der inzwischen
in der Klinik aufgetretenen Penicillinresistenz entscheiden. Die Propagierung
von Piperacillin (PIPRIL) mit mikrobiologischen Ergebnissen aus Studien
mit völlig unterschiedlich beschickten Testplättchen im Agardiffusionstest
erscheint problematisch.
Literatur
-
BAIER, R. und PUPPEL, H. Med. Klin. 74: 1923-1927, 1979
-
BODEY, G. et al. Antimicrob. Agents Chemother. 14: 78-87, 1978
-
FU, K.P. et al. Antimicrob. Agents Chemother. 13: 358-367, 1978
-
PIPERACILLIN-SYMPOSIUM, München, April 1980
WINSTON, D.J. et al. Antimicrob. Agents Chemother. 13: 944-950, 1978
Aktuelle Ergänzungen
(Oktober
2000)
PIPRIL ist aus dem Handel, Piperacillinist nur noch
als Generikum (z.B. Piperacillin Hexal) erhältlich.
Heute wird zur kalkulierten Therapie lebensbedrohlicher
Infektionen bevorzugt die Kombination von Piperacillin mit dem ß-Laktamaseinhibitor
Tazobactam verwendet (vgl. Piperacillin
/ Tazobactam, ZCT 1 / 1994).
Seit der Erstellung und Veröffentlichung dieses Artikels
in der Zeitschrift für Chemotherapie (Heft 5, 1980) sind zahlreiche
weitere Arbeiten über Piperacillin publiziert worden. Insbesondere
soll an dieser Stelle auf die folgenden Publikationen hingewiesen werden:
|