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Informationen für Ärzte und Apotheker zur rationalen Infektionstherapie
 
Piperacillin - ein neues Breitspektrum-Penicillin
Unveränderter Text aus ZCT Heft 5, 1980

Aktuelle Ergänzungen am Ende des Textes

letzte Überarbeitung: 6.6.2003
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Piperacillin ist ein neues, halbsynthetisches Penicillin-Derivat, das in Kürze unter dem Namen PIPRIL in den Handel kommt.

Mikrobiologie

Die antibakterielle in vitro-Aktivität dieses Breitspektrum-Penicillins umfaßt die Familie der Enterobacteriaceae einschließlich der Mehrzahl der gegen viele Antibiotika oft resistenten sogenannten Problemkeime wie Klebsiellen, Enterobacter- und Serratia-Spezies sowie indolpositive Proteus-Stämme. Seine Wirkung gegen diese Keime, die besonders auf Abteilungen mit großem Verbrauch an Antibiotika und hohem Selektionsdruck eine Rolle spielen, entspricht etwa der des Mezlocillin (BAYPEN). Gegen Pseudomonas aeruginosa ist Piperacillin ein gut wirksames Antibiotikum; die Hemmwerte (MIC) sind mit denen des Azlocillin (SECUROPEN) vergleichbar.
Wie Ampicillin (AMPI-TABLINEN, BINOTAL u.a.) und Azlocillin besitzt Piperacillin eine gute Aktivität gegen Enterokokken, die bei Harnwegsinfektionen, Endokarditis und abdominellen sowie gynaekologischen Infektionen eine Rolle spielen können. Auch anaerobe Bakterien einschließlich Bacteroides fragilis werden von Piperacillin ebenso wie von Mezlocillin zu einem hohen Prozentsatz (Bacteroides fragilis 80-90% bei 16 mg/l) erfaßt. Die Wirkung gegenüber Gonokokken und Meningokokken ist mit der des Ampicillin und Penicillin G vergleichbar. Bei Streptokokken der Gruppe A sind Penicillin G und Ampicillin überlegen. Die Hemmwerte gegen Haemophilus influenzae liegen drei bis vier Stufen günstiger als bei Ampicillin, doch sind ß-Laktamase-produzierende Stämme (in Deutschland ca. 2-3%) wegen der ungenügenden Stabilität von Piperacillin gegenüber diesen Enzymen resistent. Aus dem gleichen Grund stellen auch Staphylokokken-Infektionen keine Indikation für dieses Antibiotikum dar.
In Kombination mit Aminoglykosid-Antibiotika lassen sich gegen Enterobacteriaceae und besonders gegen Pseudomonas aeruginosa häufig additive und synergistische Wirkungssteigerungen erzielen. Die wegen geringer Toxizität wünschenswerte Kombination von Piperacillin oder anderen Penicillin-Derivaten mit Cephalosporinen wird unterschiedlich beurteilt. In Abhängigkeit vom Kombinationspartner und vom Erreger lassen sich Wirkungssteigerungen aber auch Antagonismus in vitro erzielen. Weitere Untersuchungen zur Klärung dieses Problems sind dringend erforderlich.

Pharmakokinetik

Piperacillin muß parenteral appliziert werden, da nach oraler Gabe nur minimale Resorption erfolgt. Die Substanz wird mit einer Halbwertzeit von ca. 40-60 Min. aus dem Serum eliminiert. Die Ausscheidung erfolgt überwiegend renal (ca. 75% in 24 Stunden). Probenecid (BENEMID) hat durch Hemmung der tubulären Sekretion einen signifikanten Effekt auf die Ausscheidung. Da im Gegensatz zu den Acylureido-Penicillinen (Azlocillin, Mezlocillin) bei Niereninsuffizienz keine kompensatorisch erhöhte Ausscheidung über die Leber erfolgt, muß ab einer glomerulären Filtrationsrate von weniger als 50 ml/min die Dosierung an die verminderte Harnleistung angepaßt werden.

Klinische Untersuchungen

Wie mit anderen Breitspektrum-Antibiotika ließen sich mit Piperacillin in den bisher vorliegenden Therapiestudien bei Infektionen der Harnwege, Atemwege, bei gynaekologischen und abdominellen Infektionen überwiegend gute Behandlungsergebnisse erzielen. Die Applikation erfolgte in den meisten Fällen als i.v. Injektion oder Kurzinfusion in einer Tagesdosis von 3- bis 4-mal 2-4 g; als Maximaldosis werden täglich 300 mg/kg KG empfohlen. Unverträglichkeitsreaktionen werden in einer Häufigkeit von 9 bis 15% angegeben und sind in der gleichen Größenordnung wie bei anderen ß-Laktam-Antibiotika. An erster Stelle stehen allergische Reaktionen (wie Hautexanthem, Drug-Fieber) und Diarrhöen. Neurotoxische Reaktionen sind bisher nicht bekannt. Thrombopenien können in etwa 1% auftreten; Blutungskomplikationen ergaben sich in keinem Fall.

ZUSAMMENFASSUNG

Piperacillin (PIPRIL) ist ein Breitspektrum-Penicillin mit guter Aktivität gegen viele Enterobakterien, Pseudomonas aeruginosa sowie gramnegative und grampositive Kokken mit Ausnahme von Staphylokokken. Differential-Indikation gegenüber Cephalosporinen sind in erster Linie Enterokokken- und Pseudomonas-Infektionen. Die Dosierung muß der Nierenfunktion angepaßt werden, die übliche Tagesdosierung liegt zwischen 6,0 und 16,0 g. Als Nebenwirkungen treten am häufigsten allergische Reaktionen und Diarrhöen auf. Noch ungeklärt ist die Position dieses Penicillin im Vergleich zu Azlocillin (SECUROPEN); Mezlocillin (BAYPEN) und Ticarcillin (AERUGIPEN). Über den Erfolg dieses Präparates werden empfohlene tägliche Dosierung (auch unter Berücksichtigung möglicher Pseudomonas-Infektionen), der Preis und der Umfang der inzwischen in der Klinik aufgetretenen Penicillinresistenz entscheiden. Die Propagierung von Piperacillin (PIPRIL) mit mikrobiologischen Ergebnissen aus Studien mit völlig unterschiedlich beschickten Testplättchen im Agardiffusionstest erscheint problematisch.
Literatur
  • BAIER, R. und PUPPEL, H. Med. Klin. 74: 1923-1927, 1979
  • BODEY, G. et al. Antimicrob. Agents Chemother. 14: 78-87, 1978
  • FU, K.P. et al. Antimicrob. Agents Chemother. 13: 358-367, 1978
  • PIPERACILLIN-SYMPOSIUM, München, April 1980

  • WINSTON, D.J. et al. Antimicrob. Agents Chemother. 13: 944-950, 1978

Aktuelle Ergänzungen (Oktober 2000)

PIPRIL ist aus dem Handel,  Piperacillinist nur noch als Generikum (z.B. Piperacillin Hexal) erhältlich.

Heute wird zur kalkulierten Therapie lebensbedrohlicher Infektionen bevorzugt die Kombination von Piperacillin mit dem ß-Laktamaseinhibitor Tazobactam verwendet (vgl. Piperacillin / Tazobactam, ZCT 1 / 1994).

Seit der Erstellung und Veröffentlichung dieses Artikels in der Zeitschrift für Chemotherapie (Heft 5, 1980) sind zahlreiche weitere Arbeiten über Piperacillin publiziert worden. Insbesondere soll an dieser Stelle auf die folgenden Publikationen hingewiesen werden: