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ein neues Virustatikum zur Behandlung der Influenza Unveränderter Text aus ZCT Heft 6, 2002
Aktuelle
Ergänzungen am Ende
des Textes
Neuraminidasen
sind auf der Oberfläche von
Influenza-Viren
lokalisiert. Die enzymatische Aktivität der viralen Enzyme ist
entscheidend
für die Freisetzung von neu gebildeten Viruspartikeln aus
infizierten
Zellen
und für die weitere Verbreitung infektiöser Viren im
Körper. Seit
langem
ist versucht worden, Wirkstoffe gegen diese virusspezifischen Proteine
zu entwickeln und mit ihnen eine spezifische antivirale Therapie zu
betreiben.
Ein erstes Präparat aus dieser Wirkstoffgruppe wurde bereits 1999
eingeführt: Zanamivir
(RELENZA) wird jedoch nach oraler Gabe nicht ausreichend resorbiert und
muss in Pulverform per Inhalation zugeführt werden (s. ZCT 1999;
20:
43-45).
Oseltamivir (TAMIFLU) kann dagegen oral gegeben werden; die Substanz
ist
bereits seit mehreren Jahren in der Schweiz, in den USA, in
Kanada
und in einigen anderen Ländern auf dem Markt und muss daher als
ein
international
gut charakterisiertes Medikament angesehen werden.
Strukturformel Oseltamivir
(Phosphatsalz)
![]() Strukturformel
Oseltamivircarboxylat
Antivirale
Aktivität
Die
IC50 -Werte von Oseltamivir für die Neuraminidase
von
klinisch isolierter Influenza A lagen zwischen 0,1 nM und 1,3 nM und
von
Influenza B bei 2,6 nM; allerdings sind auch höhere Werte für
Influenza
B, bis zu einem Medianwert von 8,5 nM, publiziert worden.
Unter
therapeutischen Gesichtspunkten ist von
Bedeutung,
dass die antivirale Aktivität der Substanz (ähnlich wie die
von
Zanamivir)
auf Influenza A und B Viren beschränkt ist. Die zahlreichen
möglichen
viralen
Erreger der häufigeren sogenannten „grippalen Infekte“ werden
durch die
Neuraminidase-Inhibitoren nicht gehemmt. Die Diagnose „Influenza“
sollte
also bei Therapiebeginn möglichst abgesichert sein. Angesichts
mangelnder
Möglichkeiten zur eindeutigen Diagnose einer Influenza ist
abzusehen,
dass
ein nicht geringer Anteil von Patienten behandelt wird, obwohl keine
rational
begründete Indikation vorliegt. Allerdings ist bei bekannter
Influenza-Epidemie
die klinische Diagnose bei 70% der Patienten korrekt gestellt worden.
Pharmakokinetische Eigenschaften,
Dosierung
Nach
oraler Einnahme von Oseltamivirphosphat (Prodrug)
wird
Oseltamivir rasch aus dem Magen-Darm-Trakt resorbiert und nahezu
vollständig
in den aktiven Metaboliten (Oseltamivircarboxylat) umgewandelt. Die
Plasmakonzentrationen
von Prodrug und aktivem Metaboliten sind proportional zur Dosis und
werden
durch gleichzeitige Nahrungsaufnahme nicht beeinflusst.
Das
Verteilungsvolumen von Oseltamivircarboxylat
beträgt
etwa 23 l, was der extrazellulären Körperflüssigkeit
entspricht. Die
Bindung
des Wirkstoffs an Plasmaproteine ist sehr gering (ca.3 %) und
damit
zu vernachlässigen. Der Wirkstoff wird unverändert renal mit
einer
Halbwertzeit
von etwa sechs bis zehn Stunden eliminiert, eine Dosisanpassung bei
Patienten
mit schwerer Niereninsuffizienz wird daher empfohlen. Bis zu einer
Kreatinin-Clearance
von 30 ml/min werden zweimal täglich 75 mg zur Therapie der
Influenza
verabreicht,
zur Prophylaxe ist die halbe Dosis ausreichend. Patienten mit einer
Kreatinin-Clearance
von 10 bis 30 ml/min erhalten zur Therapie nur eine tägliche
Dosis,
prophylaktisch
sollte das Präparat unter diesen Bedingungen nur jeden zweiten Tag
eingenommen
werden. Bei Patienten mit noch stärker ausgeprägter
Niereninsuffizienz
(< 10 ml / min) wird Oseltamivir nicht empfohlen.
Klinische Wirksamkeit In
umfangreichen klinischen Studien ist die Substanz
zur
Therapie und Prophylaxe der Influenza eingesetzt worden. Die klinische
Wirksamkeit bei diesen Indikationen ist eindeutig belegt. So wurde das
Medikament zum Beispiel im Vergleich zu Placebo bei mehr als 700 nicht
geimpften Patienten mit den Symptomen einer fieberhaften Influenza in
einer
randomisierten Studie verabreicht; die Diagnose wurde bei zwei Drittel
der Patienten durch Laboruntersuchungen bestätigt. Die Zeitdauer
der
Erkrankung
konnte um etwa 30% verkürzt werden, gleichfalls wurden auch die
Krankheitssymptome
deutlich vermindert. Entscheidend ist jedoch ein frühzeitiger
Beginn
der
Behandlung innerhalb von 24 – 36 Stunden nach Beginn der Symptomatik.2,
3
Umfangreiche,
Placebo-kontrollierte Studien belegen
auch
eine Wirksamkeit des Arzneimittels bei prophylaktischer Gabe. Dies gilt
sowohl für die Postexpositionsprophylaxe als auch für die
Prophylaxe
während
einer Influenzaepidemie in der Bevölkerung. 4,5
So wurde Oseltamivir zum Beispiel an Personen, die in Kontakt mit einem
Influenza-Erkranktem („Indexfall“) standen, innerhalb von zwei Tagen
nach
Beginn der Symptomatik beim Indexfall, einmal täglich sieben Tage
lang
verabreicht. Unter diesen Bedingungen senkte Oseltamivir im Vergleich
zu
Placebo die Inzidenz der Influenza bei Kontaktpersonen signifikant von
12% auf 1%. Die empfohlene Dosis zur Postexpositions-Prophylaxe der
Influenza
bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 13 Jahren nach engem Kontakt mit
einer
infizierten Person beträgt 75 mg Oseltamivir einmal täglich
über einen
Zeitraum von mindestens sieben Tagen. Das Präparat stellt keinen
Ersatz
für eine Grippeschutzimpfung dar, der Schutz vor einer Influenza
besteht
nur während der Einnahme von Oseltamivir.
Unerwünschte Wirkungen, Interaktionen Die
Verträglichkeit von Oseltamivir ist insgesamt gut,
jedoch
muss mit Beschwerden von Seiten des Gastrointestinaltraktes gerechnet
werden.
Die Daten der klinischen Prüfung zeigen, dass Übelkeit und
Erbrechen
signifikant
häufiger sind, als nach Placebo. Bei zweimal täglicher Gabe
von 75 mg
kam
es bei 8% der Behandelten zum Erbrechen (Placebo: 3%). Die
Beschwerden
traten überwiegend nur am ersten oder zweiten Tag der Behandlung
auf.
Bisher
wurden keine klinisch relevanten
Wechselwirkungen
von Oseltamivir bei gleichzeitiger Anwendung anderer Medikamente
beobachtet.
Dies gilt insbesondere für Paracetamol (div. Handelsnamen),
Acetylsalicylsäure
(div. Handelsnamen), Cimetidin (div. Handelsnamen) oder mineralische
Antazida.
ZUSAMMENFASSUNG
Oseltamivir
(TAMIFLU) ist
das
erste oral wirksame antivirale Mittel aus der Gruppe der
Neuraminidase-Inhibitoren
zur Therapie und Prophylaxe der Influenza. Es muss rasch nach Beginn
der
Symptomatik gegeben werden, dann kann mit deutlicher
Symptomverminderung
sowie einem signifikant verkürzten Verlauf der Erkrankung
gerechnet
werden.
Die Verträglichkeit ist gut, gastrointestinale Beschwerden kommen
vor.
Einschränkend
muss betont werden, dass die
antivirale
Aktivität sich auf „echte“ Influenza-Viren beschränkt,
Erreger eines
„grippalen
Infektes“ werden nicht beeinflusst. Die jährlich empfohlene
Influenza-Vakzination
ist unverändert eine sehr sinnvolle Massnahme; bei ungeimpften
Personen
mit weitgehend gesicherter Diagnose ist das Präparat aber eine
wertvolle
Option zur Prophylaxe und Therapie der Influenza.
1. MCCLELLAN
K, PERRY CM. Oseltamivir:
a review of its use in influenza.
Drugs. 2001;61(2):263-83. 2. NICHOLSON KG, AOKI FY et al. Efficacy and safety of oseltamivir in treatment of acute influenza: a randomised controlled trial. Neuraminidase Inhibitor Flu Treatment Investigator Group. Lancet. 2000 May 27;355(9218):1845-50. 3. COUCH RB. Prevention and treatment of influenza. N Engl J Med. 2000 Dec 14;343(24):1778-87. 4. WELLIVER R, MONTO AS et al. Effectiveness of oseltamivir in preventing influenza in household contacts: a randomized controlled trial. JAMA. 2001 Feb 14;285(6):748-54. 5. HAYDEN FG, ATMAR RL et al. Use of the selective oral neuraminidase inhibitor oseltamivir to prevent influenza. N Engl J Med. 1999 Oct 28;341(18):1336-43. Seit der Erstellung und Veröffentlichung dieses Artikels in der Zeitschrift für Chemotherapie (Heft 6, 2002) sind zahlreiche weitere Arbeiten über Oseltamivir publiziert worden. Insbesondere soll an dieser Stelle auf die folgenden Arbeiten hingewiesen werden: 1. MOSCONA
A. Neuraminidase
inhibitors for influenza.
N Engl J Med. 2005 Sep 29;353(13):1363-73. 2. WARD P, SMALL I et al. Oseltamivir (Tamiflu) and its potential for use in the event of an influenza pandemic. J Antimicrob Chemother. 2005 Feb;55 Suppl 1:i5-i21. 3. SHEU TG, DEYDE VM et al. Surveillance for neuraminidase inhibitor resistance among human influenza A and B viruses circulating worldwide from 2004 to 2008. Antimicrob Agents Chemother. 2008 Sep;52(9):3284-92. 4. SUGAYA N, TAMURA D et al. Comparison of the clinical effectiveness of oseltamivir and zanamivir against influenza virus infection in children. Clin Infect Dis. 2008 Aug 1;47(3):339-45. 5. ISON MG. Influenza in hospitalized adults: gaining insight into a significant problem. J Infect Dis. 2009 Aug 15;200(4):485-8. 6. LEE N, CHAN PK et al. Viral loads and duration of viral shedding in adult patients hospitalized with influenza. J Infect Dis. 2009 Aug 15;200(4):492-500. 7. SHUN-SHIN M, THOMPSON M et al. Neuraminidase inhibitors for treatment and prophylaxis of influenza in children: systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials. BMJ. 2009 Aug 10;339:b3172. |