|
Nevirapin -
ein nicht-nukleosidischer Hemmstoff der
reversen Transkriptase
Originaltext
aus ZCT 03-1998 
Mit Nevirapin (VIRAMUNE) wird ein weiteres
Chemotherapeutikum
zur Behandlung der HIV-Infektion angeboten. Diese Substanz gehört
zu einer neuen Wirkstoffklasse und weist einen anderen Wirkmechanismus
auf als die bisher bekannten Inhibitoren der Protease [z. B. Indinavir
(CRIXIVAN)] oder die nukleosidischen Hemmstoffe der reversen
Transkriptase
[z. B. Zidovudin
(RETROVIR)].
Antivirale
Wirkung
Die neue Substanz hemmt zwar ebenfalls das
virale Enzym
"reverse Transkriptase", doch handelt es sich nicht um ein
Nukleosid-Analogon
und damit besteht ein anderer molekularer Angriffspunkt. Nevirapin und
ähnliche Verbindungen werden als NNRT-Hemmstoffe bezeichnet
(nicht-nukleosidische
reverse Transkriptaseinhibitoren). Nevirapin hemmt selektiv die reverse
Transkriptase von HIV-1; das entsprechende Enzym aus HIV-2 oder die
Polymerasen
aus eukaryontischen Zellen werden nicht inhibiert. In vitro nimmt die
Empfindlichkeit
der Viren rasch ab und auch in vivo erfolgt die Resistenzentwicklung
rasch,
wenn die Substanz als Monotherapie verabreicht wird.1,2
N
Strukturformel Nevirapin
Pharmakokinetik
Nevirapin wird bei oraler Gabe gut
resorbiert; die Bioverfügbarkeit
liegt bei über 90%. Die Resorption wird durch gleichzeitige
Nahrungsaufnahme
oder die Einnahme von Antazida nicht beeinflußt. Das
Verteilungsvolumen
wurde mit 1,2 l/kg Körpergewicht berechnet und die Proteinbindung
beträgt etwa 60%. Nevirapin wird durch die Cytochrom
P450-abhängigen
Monooxygenasen der Familie CYP3A metabolisiert und glucuronidiert; nur
etwa 5% einer verabreichten Dosis werden unverändert
ausgeschieden.
Die Eliminationshalbwertzeit beträgt zu Beginn der Behandlung im
Mittel
etwa 45 Stunden, jedoch besteht offenbar eine erhebliche
interindividuelle
Variabilität (22 bis 77 Stunden) und im Laufe der Behandlung
erfolgt
durch Induktion der hepatischen Monooxygenasen eine Verkürzung der
Halbwertzeit auf etwa 25 bis 30 Stunden.3,4,5
Klinische
Wirksamkeit
Nevirapin wird in Form von Kapseln mit 200
mg Wirkstoff
angeboten, während der ersten 14 Tage der Behandlung wird
täglich
eine Kapsel genommen, anschließend erfolgt die Therapie mit 2
Kapseln
täglich. Das Medikament kann in Kombination mit Zidovudin oder
anderen
Nukleosid-Analoga bei HIV-positiven Patienten angewandt werden; die
Indikation
ist jedoch beschränkt auf Personen mit Progredienz der Symptomatik
bzw. Verschlechterung der relevanten Laborwerte (z. B. Zahl der
CD4-Zellen).
Bisher liegen keine Ergebnisse aus umfangreichen klinischen Studien
vor,
die eine eindeutige Beschreibung des therapeutischen Nutzens der
Substanz
ermöglichen würden. Da die Anwendung mit erheblichen Risiken
verbunden ist, muß eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Bewertung
erfolgen.
Unerwünschte Wirkungen,
Interaktionen
Zu den wichtigsten Nebenwirkungen
zählt die Induktion
von Exanthemen (ca. 30 bis 50% der Patienten). Hautreaktionen
führten
bei etwa 10% der Patienten zum Therapieabbruch. Bei etwa 1% der
Behandelten
muß mit schwersten dermatologischen Komplikationen
(Stevens-Johnson-Syndrom)
gerechnet werden.6
Nevirapin senkt den Plasmaspiegel von
Indinavir um etwa
ein Drittel, so daß bei einer Kombinationstherapie eine
Dosisanpassung
erforderlich erscheint. Der Einfluß auf die Spiegel von Ritonavir
(NORVIR) ist offenbar geringer. Ausreichende Erfahrungen liegen
für
die Kombinationen zur Zeit noch nicht vor.
ZUSAMMENFASSUNG
Mit Nevirapin (VIRAMUNE) steht zum ersten
Mal ein neuer
Hemmstoff der reversen Transkriptase von HIV-1 zur Verfügung, der
nicht zu den Nukleosid-Analoga gehört. Das neuartige Wirkprinzip
bietet
prinzipiell neue Möglichkeiten zur Kombinationstherapie von
HIV-infizierten
Patienten. Die rasche Resistenzentwicklung, eine variable
Pharmakokinetik,
Interaktionen durch Beeinflussung hepatischer Monooxygenasen und vor
allem
ein erhebliches Risiko für schwere dermatologische Reaktionen
limitieren
jedoch die Einsatzmöglichkeiten des Medikamentes. Weitere
klinische
Erfahrungen sind dringend notwendig, bevor der Stellenwert einer
Nevirapin-Therapie
im Rahmen einer Behandlung von AIDS-Patienten definiert werden
kann.
| Hinweis:
Aktuelle Informationen in englischer Sprache über geeignete
Arzneimittel, Behandlungsrichtlinien, aktuelle klinische Studien und
andere Aspekte der antiretroviralen Therapie finden Sie unter www.aidsinfo.nih.gov |
|