Netilmicin
-ein neues Aminoglykosid-Antibiotikum
Unveränderter
Text aus ZCT Heft 1, 1981
Aktuelle
Ergänzungen am Ende des
Textes
Netilmicin ist ein
neues halbsynthetisches Aminoglykosid-Antibiotikum, das unter dem Handelsnamen
CERTOMYCIN von der Firma Byk Essex kürzlich in den Handel gebracht
wurde.
Mikrobiologie
Netilmicin besitzt das
gleiche Spektrum wie verwandte Aminoglykoside. Staph. aureus sowie die
meisten Enterobacteriaceae und Pseudomonas aeruginosa werden gehemmt. Die
in vitro-Aktivität ist mit der des Gentamicin (REFOBACIN, SULMYCIN
u.a.), Sisomicin (EXTRAMYCIN, PATHOMYCIN) und Tobramycin (GERNEBCIN) vergleichbar,
doch ist Tobramycin gegen Pseudomonas aeruginosa das aktivste Aminoglykosid-Antibiotikum.
Netilmycin ist stabil
gegenüber vielen bakteriellen Enzymen, die Gentamicin inaktivieren.
Zwischen den verwandten Antibiotika besteht daher nur eine partielle Kreuzresistenz.
60-70% der Gentamicin-resistenten Stämme sind Netilmicin-sensibel.
Wie auch bei anderen Aminoglykosiden läßt sich durch Kombination
mit ß-Laktam-Antibiotika häufig eine synergistische Wirkungssteigerung
erzielen. Besonders ausgeprägt und klinisch sinnvoll ist dieser Effekt
gegen Pseudomonas aeruginosa bei Kombinationen mit Pseudomonas-Penicillinen
und Penicillin G (div. Warenzeichen) oder Ampicillin (AMPI-TABLINEN, BINOTAL
u.a.) gegen Enterokokken (bei Enterokokken-Endokarditis).
Pharmakokinetik
Die Pharmakokinetik von
Netilmicin ist mit der des Gentamicin, Tobramycin und Sisomicin weitgehend
identisch. Netilmicin wird renal durch glomeruläre Filtration zu 70-90%
in den ersten 24 Stunden in mikrobiologisch aktiver Form ausgeschieden;
die Eliminationshalbwertzeit beträgt ca. zwei Stunden. Es besteht
keine wesentliche Bindung an Plasmaeiweiß. Die Substanz ist gut hämodialysabel.Wie
auch bei anderen Aminoglykosiden bekannt, ist die Penetration von Netilmicin
in den Liquor cerebrospinalis nur gering.
Toxizität
Die Organtoxizität
der Aminoglykoside konzentriert sich auf die Niere sowie den VIII. Hirnnerven.
Vergleichende tierexperimentelle Untersuchungen zeigten sowohl funktionell
als auch histologisch eine deutlich geringere Nephrotoxizität für
Netilmicin als für andere Aminoglykoside. Die Bedeutung dieser tierexperimentell
besseren Nierenverträglichkeit der neuen Substanz für die klinische
Anwendung ist noch nicht klar erwiesen. Die Nephrotoxizität von Netilmicin
liegt im klinischen Vergleich zu anderen Aminoglykosiden in derselben Größenordnung
- bei allerdings etwa doppelter Dosis des Netilmicin. Die bisher vorliegenden
begrenzten Untersuchungen lassen noch kein abschließendes Urteil
zu. Ob Netilmicin mit Cephalosporin-Antibiotika bezüglich der Nephrotoxizität
sicherer kombiniert werden kann, muß klinisch untersucht werden.
Tierexperimente scheinen zur Beantwortung dieser Frage nicht schlüssig.
Netilmicin ist bei allen getesteten Tierspezies weniger ototoxisch als
Gentamicin und scheint tierexperimentell auch günstiger als Tobramycin
zu sein. Die Ergebnisse der klinischen Prüfung an 890 Patienten sowie
begrenzte Vergleichsstudien zeigten, daß Störungen des VIII.
Hirnnerven selten, überwiegend geringgradig und manchmal transient
sind. Auch hier sind weitere kontrollierte Studien notwendig.
Klinik
Die klinische Prüfung
zeigte eine gute therapeutische Wirkung von Netilmicin bei Infektionen
der Harn-, Gallen-, Atemwege und Septikämien, die mit anderen Aminoglykosiden
vergleichbar sein dürften. Die empfohlene Tagesdosis beträgt
4-6 mg/kg KG und kann bei schweren Infektionen und resistenten Erregern
bis auf 7,5 mg/kg KG erhöht werden. Die Tagesdosis sollte in drei
Einzeldosen (acht Stunden Dosisintervall) aufgeteilt werden; aufgrund der
höheren Dosierbarkeit im Vergleich zu Gentamicin eignet sich auch
ein 12 Stunden Dosisintervall, insbesondere bei Harnwegsinfektionen.
Die Applikation sollte
als i.m. Injektion oder i.v. Kurzinfusion über eine halbe Stunde erfolgen.
Bei Niereninsuffizienz muß die Dosis dem Grad der Funktionsstörung
angepaßt werden.
ZUSAMMENFASSUNG
Netilmicin (CERTOMYCIN)
ist ein neues Aminoglykosid-Antibiotikum mit größerer therapeutischer
Breite als Gentamicin (REFOBACIN, SULMYCIN) und verwandte Substanzen. Die
antimikrobielle in vitro-Aktivität ist mit der des Gentamicin vergleichbar,
doch ist Netilmicin gegen einen hohen Prozentsatz Gentamicin-resistenter
Bakterien aktiv. Die günstigen tierexperimentellen Ergebnisse zur
Nephro- und Ototoxizität müssen durch kontrollierte klinische
Studien bestätigt werden, um ein abschließendes Urteil über
die Organtoxizität des Netilmicin im Vergleich zu anderen Aminoglykosiden
treffen zu können. |