
|
irrationaler Einsatz eines Fluorchinolons zur lokalen Aknetherapie Unveränderter Text aus ZCT Heft 4, 2004 ![]() Fluorchinolone
gehören seit zwei
Jahrzehnten zu den
unverzichtbaren Arzneimitteln bei bakteriellen Infektionen. Die
zunehmende
Verschlechterung der Resistenzsituation wird allerdings weltweit als
ein
wichtiges Problem angesehen. Eine vorrangige Maßnahme ist in
diesem
Zusammenhang ohne Zweifel die restriktive Verordnung von Antiinfektiva
und die Beschränkung der Chinolontherapie auf gut begründete
Indikationen. Vor diesem Hintergrund muss die Einführung einer
Cremezubereitung
zur lokalen Therapie der Akne als irrational eingestuft werden. Die
Creme
enthält den Wirkstoff Nadifloxacin in einer Konzentration von 1%.
Als Indikationen für die äußerliche Anwendung werden
„leichte
bis mittelschwere Ausprägungen entzündlicher Formen der Akne
vulgaris“ angegeben. Das Arzneimittel ist bereits seit dem Jahr 2000
zugelassen,
es wurde vor einigen Monaten in Deutschland unter dem Handelsnamen
NADIXA
in den Handel gebracht.1
Antibakterielle Aktivität, Resistenz
Ein Blick auf die Formel des „neuen Aknewirkstoffes“ Nadifloxacin und ein Vergleich mit der Struktur von Ofloxacin (TARIVID, OFLOHEXAL u.a.) bzw. Levofloxacin (TAVANIC) zeigt die nahe chemische Verwandtschaft der Substanzen. Strukturformel
Nadifloxacin Vergleichsuntersuchungen
belegen, dass
Nadifloxacin zum
Beispiel eine sehr ähnliche Aktivität wie Levofloxacin gegen
Pneumokokken und P. acnes aufweist, bei Staphylokokken ist es deutlich
aktiver. Von besonderem Interesse ist angesichts der Indikation ein
Vergleich
der inhibitorischen Konzentrationen von Nadifloxacin und Erythromycin
(AKNEMYCIN
SALBE u.a.), das ebenfalls zur topischen Aknetherapie angeboten wird,
gegen
Propionibacterium acnes. Nadifloxacin war in vitro gegen die
pathogenetisch
wichtige Bakterienspezies deutlich schwächer wirksam als das
Makrolid:
die MHK50-Werte lagen bei 0,39 mg/L (Nadifloxacin) und 0,05 mg/L
(Erythromycin).2
Seit etwa 30 Jahren
haben die Dermatologen
bereits Erfahrungen
mit lokal angewandten Antibiotika in der Aknetherapie gesammelt. Mit
allen
Antibiotika erwies sich die Resistenzentwicklung von P. acnes als
wichtigstes
Problem. Entsprechende Daten für Nadifloxacin bei längerer
und
häufiger Anwendung wurden bisher nicht publiziert. Im direkten
Vergleich
über zehn Wochen war in der Resistenzlage von P. acnes kein
Unterschied
zu Erythromycin erkennbar, bei Koagulase-negativen Staphylokokken
zeigten
sich mit Nadifloxacin tendenziell günstigere Resultate.3
In der topischen Antibiotikatherapie der Akne spielt neben Erythromycin
heute nur noch Clindamycin (BASOCIN AKNE GEL) eine Rolle, Tetrazykline
und Chloramphenicol werden kaum noch verwandt. Generell wird
Zurückhaltung
bei der lokalen Antibiotikatherapie gefordert. Stattdessen wird zur
Behandlung
das unspezifisch antibakteriell wirksame Benzoylperoxid (PANOXYL u.a.)
als Mittel der Wahl angesehen, da es mit dieser Substanz keine
entsprechenden
Resistenzprobleme gibt.4
In der Werbung für
NADIXA wird es als
„das erste
topische Chinolon in der Akne-Therapie“ bezeichnet. Jedem Arzt sollte
jedoch
klar sein, dass es keine „topischen Chinolone“ geben kann, sondern dass
alle Chinolone unabhängig von der Applikationsart ihre Wirkung
durch
Hemmung der bakteriellen Topoisomerasen II und IV entfalten. Damit
besteht
zwischen den einzelnen Wirkstoffen dieser wichtigen Arzneimittelgruppe
die Möglichkeit für die Entwicklung von Kreuzresistenzen und
durch die häufige therapeutische Verwendung entsteht ein
erheblicher
Selektionsdruck. Es kann erwartet werden, dass durch die neue
Indikation
„Akne“ eine weitere Ausbreitung der Chinolon-Resistenz resultiert.
Pharmakokinetik, unerwünschte
Wirkungen
Die Resorption des Wirkstoffes durch die Haut ist gering, bei Patienten mit geschädigter Haut, wie es bei Aknepatienten der Fall ist, gelangt jedoch eine größere Menge des Chinolons ins Blut. Die Plasmakonzentrationen können Werte von etwa 1 bis 3 ng/ml erreichen. Die Metabolisierung von Nadifloxacin erfolgt über Oxidations- und Konjugationsreaktionen; es wird unverändert und in metabolisierter Form mit den Fäces und über die Nieren ausgeschieden.1 Während der
Behandlung mit NADIXA-Creme
können
Hautreizungen auftreten. Bei nicht indizierter, mehrmals täglicher
Applikation sind eine ausgeprägte Rötung und ein unangenehmes
Gefühl auf der Haut möglich. Als unerwünschte Wirkungen
sind auch Juckreiz und Wärmegefühl, Kontaktdermatitis und
Urticaria
beobachtet worden. Vereinzelt wurde über Hypopigmentierung der
Haut
berichtet.1
Nadifloxacin ist
keineswegs ein „neues“
Chinolon. Die
ersten Veröffentlichungen über die breite antibakterielle
Aktivität
der Substanz mit der Kurzbezeichnung OPC-7251 erschienen bereits in den
1980er Jahren. Ähnlich wie Ofloxacin liegt Nadifloxacin als
Racemat
vor. Neben den antibakteriellen Eigenschaften der Substanz fanden auch
die genotoxischen Effekte des Arzneistoffes besonderes Interesse bei
japanischen
Wissenschaftlern während der präklinischen Entwicklung der
Substanz.5
Heute wird in der Fachinfo des Präparates darauf hingewiesen, dass
„Konzentrationen mit genotoxischen Effekten“ therapeutisch nicht
erreicht
werden.
ZUSAMMENFASSUNG
In Form einer Hautcreme wird das Fluorchinolon Nadifloxacin (NADIXA) zur Therapie der Akne vulgaris in den Handel gebracht. Der Wirkstoff weist eine ähnliche Struktur und ein ähnliches antibakterielles Spektrum wie Levofloxacin (TAVANIC) auf, eine Förderung von Kreuzresistenzen ist bei breiter Anwendung zu befürchten. Die wichtigsten unerwünschten Wirkungen betreffen die Haut (Erythem, Juckreiz, Kontaktdermatitis etc.). Da zur Aknetherapie zahlreiche andere, bewährte Wirkstoffe zur Verfügung stehen [z. B. Benzoylperoxid (PANOXYL u.a.)], muss das neue Präparat nicht nur als überflüssig, sondern sogar als eine bedenkliche Neuentwicklung im Angebot der Chinolone angesehen werden. 2.
YAMAKAWA T, MITSUYAMA J et al. In
vitro and in vivo antibacterial activity of T-3912, a novel
non-fluorinated topical quinolone. J Antimicrob Chemother. 2002 Mar;49(3):455-65. 3. GOLLNICK, H. et al.
Eur J Dermatol 1994; 4: 210 - 215 |