Aktuelle Ergänzungen am Ende des Textes
Imipenem / Cilastatin (ZIENAM) ist ein neues, von der Firma MSD
Sharp
& Dohme GmbH, USA, entwickeltes ß-Laktam-Antibiotikum zur
parenteralen
Therapie von bakteriellen Infektionen. Es besteht aus dem
Hauptwirkungspartner
Imipenem, welches mit Cilastatin-Natrium - einer antibiotisch nicht
aktiven
Substanz - kombiniert wurde, um den metabolischen Abbau von Imipenem in
der Niere zu verhindern.
Wie wir in der "ZCT" 6: 45-46, 1984 mitteilten, hatte das
Bundesgesundheitsamt
am 5. Oktober 1984 das "Ruhen der Zulassung" für Imipenem
angeordnet.
Die damalige Begründung beruhte vorwiegend auf vermeintlich hohen
Todesfallzahlen unter der Behandlung mit dem Chemotherapeutikum, welche
sich jedoch seit den ersten klinischen Prüfungen im Prinzip
unverändert
zwischen 4,3 und 5,0% der zumeist schwerkranken Patienten bewegten. Mit
einigen, noch zu erwähnenden Änderungen im Beipackzettel
wurde
das Arzneimittel zum 1. April 1985 nun wieder voll zugelassen.
Insgesamt
kann die sechs Monate dauernde "Ruheaktion" des BGA nicht als
adäquat
eingestuft werden; es bleibt abzuwarten, inwieweit sich dieser Vorgang
auf die Akzeptanz dieses Antibiotikums auswirken wird.
Mikrobiologie
Imipinem ist das erste stabile ß-Laktam-Antibiotikum aus der
Gruppe
der Thienamycine (sogenannte Carbapeneme). Es unterscheidet sich in
seiner
chemischen Struktur wesentlich von Penicillinen und Cephalosporinen:
Das
Schwefelatom im Thiazolring der Penicilline ist durch ein
Kohlenstoffatom
ersetzt, und die Seitenkette ist an den ß-Laktamring in
trans-Konfiguration
gebunden. Imipenem wirkt wie alle ß-Laktam-Antibiotika auf die
Hemmung
der Zellwandbiosynthese der Bakterien (Penicillin-bindende Proteine).
An
über 14.000 Isolaten konnte gezeigt werden, daß das
antibakterielle
Spektrum des Imipenem den gramnegativen und grampositiven Bereich
umfaßt.
E. coli, Klebsiellen, Enterobacter, Citrobacter, Salmonellen,
Shigellen,
Pseudomonas species, Haemophilus influenzae, Neisserien, Yersinien und
die gramnegativen Anaerobier (Bacteroides species, Fusobakterien)
werden
in niedrigen Konzentrationen gehemmt. Staphylokokken, Pneumokokken,
hämolysierende
Streptokokken und Enterokokken (insb. Streptococcus faecalis) sind
ebenfalls
hochempfindlich, gleichfalls auch Peptostreptokokken. Pseudomonas
maltophila
und Pseudomonas cepacia werden nicht ausreichend erfaßt. Imipenem
besitzt eine höhere ß-Laktamasestabilität als z.B. Cefotaxim
(CLAFORAN).
Der Kombinationspartner Cilastatin hat keine eigene antibiotische
Aktivität
und beeinflußt auch nicht die antibakterielle Wirkung von
Imipenem.
Cilastatin bewirkt zwei Effekte:
1. Reduzierung der Hydrolyse von Imipenem in der Niere und damit
Erhöhung
der Imipenem-Urinspiegel sowie
2. die Verhinderung einer bei Kaninchen und Affen beobachteten
Nephrotoxizität
des Antibiotikums in sehr hoher Dosierung.
Pharmakokinetik
Die pharmakokinetischen Daten der beiden Kombinationspartner
stimmen
gut überein. Bei einem üblichen Mischungsverhältnis von
1:1 werden nach jeweils 500 mg i.v. maximale Serumspiegel von im Mittel
33 mg/l bzw. nach 1000 mg mittlere Spitzenspiegel von 66 mg/l gemessen.
Die Halbwertzeit beider Substanzen beträgt 50-60 min, die totale
Körperclearance
liegt im Mittel bei 190 ml/min. Die renale Clearance des Imipenem bei
kombinierter
Gabe wird mit 138 ml/min angegeben, die des Cilastatin liegt
geringfügig
niedriger. Innerhalb von 24 Stunden lassen sich 72% des verabreichten
Imipenem
im Urin nachweisen. In der Kombination sind die Serumspiegel
gegenüber
der Einzelgabe geringfügig erhöht. Die Proteinbindung beider
Substanzen liegt im Serum bei 25%, die Verteilungsvolumina bewegen sich
zwischen 8 und 15 l.
Von Bedeutung ist die unterschiedlich ausgeprägte
Halbwertzeitverlängerung
beider Kombinationspartner bei verschiedenen Graden der
Niereninsuffizienz.
So verlängert sich die Halbwertzeit von Imipenem bei
mittelgradiger
Niereninsuffizienz (Glomerulumfiltrat von 15-30 ml/min) auf
127±28
min, während Cilastatin bei diesem Grad der
Nierenfunktionseinschränkung
mit einer Halbwertzeit von 150±60 min ausgeschieden wird. Bei
einem
Glomerulumfiltrat von weniger als 15 ml/min sind die Parameter noch
deutlicher
unterschiedlich (159±18 min für Imipenem und fast
400±94
min für Cilastatin). Es empfiehlt sich daher, unbedingt eine
deutliche
Dosisreduktion schon bei einem Glomerulumfiltrat von unter 30 ml/min,
um
eine Kumulation der Substanzen - insbesondere des Cilastatin - zu
vermeiden.
Klinik
Die klinischen Ergebnisse mit dem neuen Präparat sind als recht günstig zu bewerten. So liegen die entsprechenden Heilungsquoten zwischen 74 und 92% bei der klinischen Beurteilung. Diese Zahlen sind mit anderen modernen ß-Laktam-Antibiotika vergleichbar. Infektionen der Atemwege, der Harnwege, des Abdomens, der Haut sowie Wundinfektionen, Septikämien, gynäkologische sowie Gelenk- und Knocheninfektionen wurden mit ZIENAM erfolgreich behandelt. Zumeist handelte es sich um fortgeschrittene bakterielle Infektionen bei Patienten mit schweren Grunderkrankungen.
Verträglichkeit
Die Daten zur Verträglichkeit und Sicherheit, wie sie
inzwischen
bei fast 4000 Patienten weltweit erfaßt wurden, liegen in der
Größenordnung
anderer neuerer ß-Laktam-Antibiotika. Im Vordergrund der
Unverträglichkeitsreaktionen
stehen lokale Nebenwirkungen (Phlebitis 5%), gefolgt von
gastrointestinalen
Symptomen (4,5%). Bei den intestinalen
Unverträglichkeitsreaktionen
sind auch pseudo-membranöse Kolitiden beobachtet worden.
Gelegentlich
wurde über Superinfektionen mit Candida berichtet.
Ein Behandlungsabbruch wegen Nebenwirkungen war zwischen 0,8 und 4,9%
erforderlich. Relativ auffällig ist die hohe Zahl von
Thrombophlebitiden
bei peripher-venöser Applikation; unter den Laborparametern fielen
mäßig erhöhte, jedoch durchweg reversible
Leberfunktionswerte
auf (alk. Phosphatase, SGOT, SGPT).
Probleme bereiten dem BGA offensichtlich die in knapp 1% aufgetretenen
ZNS-Reaktionen, die jedoch auch bei anderen ß-Laktam-Antibiotika
gelegentlich beobachtet werden. Immerhin sah sich die
Zulassungsbehörde
veranlaßt, im Beipackzettel einen Warnhinweis für Patienten
mit bereits bestehenden Störungen des ZNS zu verlangen.
ZUSAMMENFASSENDE BEWERTUNG
Imipenem/Cilastatin (ZIENAM) ist ein ß-Laktam-Antibiotikum, welches aufgrund seiner hohen Aktivität und seines Spektrums in vielen Fällen in Monotherapie - also z.B. ohne gleichzeitige Gabe eines Aminoglykosids - eingesetzt werden kann. Das kann als ein therapeutischer Fortschritt angesehen werden. Das Thienamycinderivat sollte jedoch unbedingt Patienten mit schweren bzw. lebensbedrohlichen Infektionen vorbehalten werden. Die tägliche Dosierung dürfte bei normaler Nierenfunktion mit 2 g ausreichend sein; bei einem Glomerulumfiltrat von weniger als 30 ml/min muß die Dosis reduziert werden. Bei Patienten mit cerebralen Vorschädigungen, insbesondere in hohem Alter und bei bestehender Niereninsuffizienz, sollte die Substanz nur bei dringlicher Indikation eingesetzt werden.
Seit seiner Einführung im Jahre 1985 hat sich Imipenem als
erstes
Carbapenem zur parenteralen antibiotischen Therapie in der Klinik
bewährt.
Seit der Erstellung und Veröffentlichung dieses Artikels in der
Zeitschrift
für Chemotherapie (Heft 3, 1985) sind zahlreiche weitere Arbeiten
über Imipenem publiziert worden. Insbesondere soll an dieser
Stelle
auf die folgenden Übersichtsarbeiten hingewiesen werden:
Vogel, F. und eine Expertengruppe der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie. Parenterale Antibiotika bei Erwachsenen. PEG-Empfehlungen. Chemother. J. 1999; 8:3-49