Fosfomycin
Unveränderter
Text aus ZCT Heft 1, 1981
Aktuelle
Ergänzungen am Ende des Textes
Fosfomycin (FOSFOCIN)
ist ein Antibiotikum, das bereits vor über 10 Jahren in Alicante (Spanien)
aus Streptomyces-Arten isoliert wurde.
Das relativ kleine
Molekül hat eine ungewöhnliche Struktur. Es besitzt eine für
die antibakterielle Wirksamkeit verantwortliche Epoxygruppe und ein direkt
an Kohlenstoff gebundenes Phosphoratom. Als stark polare Substanz diffundiert
das Antibiotikum nicht passiv durch biologische Membranen, sondern wird
durch aktiven Transport aufgenommen. Durch Störung der Zellwand- bzw.
Mureinsynthese wirkt es bakterizid auf zahlreiche Bakterien. Parallelresistenzen
und -allergien zu bekannten Antibiotika wurden nicht beobachtet und sind
aufgrund der andersartigen Struktur und Wirkungsweise auch nicht zu erwarten.
Mikrobiologie
Fosfomycin besitzt eine
gute Wirksamkeit gegen gramnegative Keime wie Hämophilus influenzae,
E. coli, Citrobacter und einige Proteus-Arten. Die meisten indolpositiven
Proteus-Stämme sind resistent. Auch gegen Bacteroides spp. ist das
Medikament unwirksam. Unterschiedlich sind die Versuchsergebnisse mit Pseudomonas
aeruginosa. In einer Vergleichsuntersuchung wurden nur 16 von 49 getesteten
Pseudomonas-Stämmen bei Konzentrationen von über 64 mg/l erfaßt.
Unter gleichen Bedingungen hemmte Azlocillin (SECUROPEN) 36 Stämme
und Piperacillin
(PIPRIL) 41 Stämme. Ein opportunistischer Erreger mit wachsender Bedeutung
bei nosokomialen Infektionen ist Serratia marcescens. Der Keim wird durch
relativ niedrige Fosfomycin-Konzentrationen gehemmt. Im Herkunftsland Spanien,
wo Fosfomycin seit 1971 klinisch verwendet wird, konnten aus Serratia-Bakterien
erstmals die von Epidemiologen gefürchteten Resistenz-Plasmide gegen
Fosfomycin isoliert werden. Damit dürfte die im Einführungsprospekt
(Stand: Sept. 1980) gemachte Aussage überarbeitungsbedürftig
sein, wonach "übertragbare Resistenz (R-Plasmide) bei Fosfomycin nicht
festgestellt werden konnte".
Im grampositiven Bereich
wirkt die Verbindung in niedriger Konzentration gegen Staphylokokken -
inklusive der Penicillinase-bildenden Stämme. Die Aktivität gegen
Streptokokken ist eher mäßig. Unter 65 in der Bundesrepublik
getesteten Staphylococcus aureus-Stämmen waren keine Fosfomycin-resistenten
Bakterien. Die MHK-Werte lagen zwischen 0,09 und 3,12 mg/l. Vier Keime
waren Oxacillin-resistent - bei allen anderen war Oxacillin (STAPENOR)
jedoch das aktivere Antibiotikum. Da die Staphylokokken, besonders auch
die relativ seltenen Oxacillin-resistenten Stämme, in letzter Zeit
offensichtlich wieder als Krankheitserreger an Bedeutung gewonnen haben,
sollte man bei Staphylokokken-Infektionen das Fosfomycin als Therapeutikum
in Erwägung ziehen. Eine wichtige Eigenschaft der Substanz beeinflußt
die mikrobiologischen in vitro-Ergebnisse: Schon vor mehr als 10 Jahren
beobachtete man eine Diskrepanz zwischen in vitro- und in vivo-Ergebnissen
mit Fosfomycin, weil die antimikrobielle Aktivität der phosphorhaltigen
Verbindung in besonderem Maße vom Nährboden und der Testtechnik
abhängt. Durch Zugabe von frischem Blut zum Testmedium wird die Aktivität
gegen einige Erreger deutlich erhöht; anorganisches Phosphat oder
Natriumchlorid verringern dagegen die antibakterielle Wirksamkeit. Diese
Eigenschaft könnte die Bedeutung des Medikamentes für die Routineverordnung
in der Klinik einschränken.
Pharmakologie
Da die Resorption nach
oraler Gabe nur etwa 30% beträgt, wird die Neueinführung in der
Bundesrepublik nur zur intravenösen Applikation angeboten. Nach einer
Kurzinfusion über 30 Minuten mit 3,0 g (5,0 g) Wirksubstanz liegen
die Serum-Spitzenkonzentrationen bei etwa 200 (380) mg/l. Innerhalb von
sechs Stunden fällt der Spiegel auf ca. 30 (20) mg/l ab. Die Eliminationshalbwertzeit
beträgt 1,5 bis 2 Stunden. Fosfomycin wird nicht an Plasmaeiweiß
gebunden. Es hat ein großes Verteilungsvolumen (über 20 l) und
tritt in antibakteriell wirksamen Konzentrationen in den Liquor und den
fetalen Kreislauf über. In unveränderter Form wird es glomerulär
filtriert und findet sich in hohen Konzentrationen im Urin (Recovery: über
90%). Bei Niereninsuffizienz muß die Dosis und/oder das Dosierungsintervall
reduziert werden. Eine Normdosis von 3-mal täglich 3,0 g sollte z.B.
auf 3-mal täglich 1,5 g bei einem Plasma-Kreatinin von 3,5 mg/100
ml reduziert werden. Fosfomycin wird nicht in der Leber metabolisiert;
es besitzt keinen enterohepatischen Kreislauf und erscheint nach parenteraler
Applikation nur in Spuren in den Faeces.
Nach seinen antibakteriellen
und pharmakokinetischen Eigenschaften ist das Chemotherapeutikum besonders
zur Therapie von Harnwegsinfektionen mit sensiblen Keimen geeignet. Bei
gonorrhoischer Urethritis ist es nicht wirksam. Auch bakterielle Atemwegserkrankungen
und Infektionen in der operativen Medizin stellen Indikationen für
eine Fosfomycin-Therapie dar - sofern ein empfindlicher Keim nachgewiesen
werden konnte und eine gebräuchlichere Substanz mit weniger Nebenwirkungen
nicht in Frage kommt.
Unter den klinisch
registrierten Nebenwirkungen des im Tierexperiment wenig toxischen Pharmakons
stehen gastrointestinale Beschwerden an der Spitze. Nach Angaben des Herstellers
ist etwa bei jedem achten Patienten mit Appetitlosigkeit, Nausea, Magendruck,
Diarrhö oder ähnlichen Symptomen zu rechnen. In 16 von 461 dokumentierten
Fällen (3,5%) wurde die Therapie wegen Nebenwirkungen abgebrochen.
Relativ häufig wurden auch Geschmacksirritationen (8%) und Venenreizungen
(4,2%) beobachtet. Die Allergiequote scheint relativ niedrig zu sein, doch
wurden gelegentlich Hautexantheme, Eosinophilie und passagere Transaminasenanstiege
beobachtet.
ZUSAMMENFASSUNG
Fosfomycin (FOSFOCIN),
ein Antibiotikum mit neuartiger Struktur, wirkt gegen ein breites Erregerspektrum.
Bei Staphylokokken-Infektionen könnte es eine wichtige Alternative
bei Oxacillin-resistenten Stämmen werden. Bei Allergie gegen ß-Laktam-Antibiotika
kann Fosfomycin ein sinnvolles Ausweich-Präparat sein. Im gramnegativen
Bereich ist die Wirksamkeit gegen Serratia marcescens von Bedeutung. Durch
die starke Abhängigkeit der in vitro-Testverfahren vom Nährboden
wird der routinemäßige Umgang mit Fosfomycin im mikrobiologischen
Laboratorium erschwert. Nach intravenöser Kurzinfusion werden hohe
Serumkonzentrationen erzielt. Die Elimination erfolgt über die Nieren
mit einer Halbwertzeit von ca. 2 Stunden. Bei 14% der behandelten Patienten
wurden Nebenwirkungen - zumeist gastrointestinal - beobachtet.
Aus den relativ begrenzten
klinischen Daten, die bisher in der Bundesrepublik vorliegen, läßt
sich noch kein abschließendes Urteil über die Stellung des neuen
Pharmakons im klinischen Alltag geben. Zunächst erscheint sein Einsatz
dann sinnvoll, wenn die Sensibilität eines Erregers nachgewiesen wurde
und gleichzeitig länger bekannte, wenig toxische Präparate unwirksam
sind. |