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Aktuelle
Ergänzungen am Ende
des Textes
Die richtige
Balance zwischen „Lipophilie“ und „Hydrophilie“ ist eine wichtige
Voraussetzung
für die Resorption eines Arzneistoffs aus dem Magen-Darm-Trakt. In
vielen
Fällen sind Arzneistoffe zu hydrophil - die Fettlöslichkeit
und damit die
Resorption kann dann zum Beispiel durch Veresterung mit einem Alkohol
erhöht
werden. Bei dem Proteaseinhibitor Amprenavir
(AGENERASE) besteht ein
anderes
Problem: der Wirkstoff ist sehr lipophil und die Resorption wird durch
die hohe
Fettlöslichkeit limitiert. Durch Veresterung mit einer Säure
ist es
gelungen, das
Molekül besser wasserlöslich zu machen und damit die
Bioverfügbarkeit deutlich
zu verbessern. Dieses neue Derivat ist seit kurzem in Europa unter der
Bezeichnung Fosamprenavir (TELZIR) im Handel.1 Nach oraler
Gabe wird
es im Organismus rasch durch Phosphatasen zu Amprenavir umgewandelt.
Strukturformel
Fosamprenavir
Antivirale
Aktivität
Der
Ausgangsstoff, Fosamprenavir, ist unwirksam. Amprenavir hemmt die
HIV-1-Protease und verhindert damit die Synthese virusspezifischer
Proteine aus
den entsprechenden Proteinvorstufen. Die 50%ige Hemmkonzentration (IC50)
liegt bei chronisch infizierten Zellen bei 0,4 µM (= 0,2 mg/l),
in akut
infizierten Zellen sind bereits niedrigere Konzentrationen (< 0,1
µM)
wirksam.1
Pharmakokinetische
Eigenschaften
Nach oraler
Gabe wird Fosamprenavir während der Resorption durch das
Darmepithel rasch und
beinahe vollständig zu Amprenavir und anorganischem Phosphat
hydrolisiert.
Fosamprenavir wird zusammen mit niedrig dosiertem Ritonavir als
„Booster“
verabreicht, um durch Hemmung der Cytochrom-abhängigen
Monooxygenasen eine
Verbesserung der Pharmakokinetik zu erreichen. Die
Plasmakonzentrationen von
Amprenavir lagen nach mehrfacher, zweimal täglicher Gabe von 700
mg
Fosamprenavir plus 100 mg Ritonavir zwischen 6 mg/l (Cmax)
und 2 mg
/l (Cmin). Als AUC („area under the curve“) wurde im Mittel
ein Wert
von 40 mg/l x h berechnet. Da durch gleichzeitige Nahrungsaufnahme das
pharmakokinetische Verhalten nicht beeinflusst wurde, kann das
Arzneimittel
unabhängig von den Mahlzeiten eingenommen werden. Amprenavir
besitzt ein hohes
Verteilungsvolumen (ca. 6 l/kg), es wird zu etwa 90% an Plasmaproteine
gebunden
und durch CYP3A4 in der Leber metabolisiert. Bei gleichzeitiger Gabe
des
Cytochrom-Inhibitors Ritonavir verlängert sich die
Eliminationshalbwertzeit von
etwa 7 Stunden auf mehr als das Doppelte.
Dosierung,
Klinische Studien
Die empfohlene
Dosierung für Fosamprenavir beträgt zweimal täglich 700
mg (= 1 Filmtablette)
zusammen mit zweimal täglich 100 mg Ritonavir. Die Anzahl der
Tabletten ist
damit im Vergleich zur Amprenavir-Therapie reduziert, denn Amprenavir
liegt nur
in Form von Kapseln mit 150 mg Wirkstoff vor, von denen zweimal
täglich 4
Kapseln genommen werden müssen. Im Rahmen der klinischen
Entwicklung wurden
Wirksamkeit und Verträglichkeit des neuen Protease-Inhibitors in
drei
umfangreichen klinischen Studien geprüft. Die Studien sind mit den
Akronymen
„Neat“, „Solo“ und „Context“ bezeichnet worden, wobei die erst
genannten
Studien ein ähnliches Design aufweisen. In die Solo-Studie wurden
660 zuvor
nicht antiretroviral behandelte HIV-positive Patienten eingeschlossen.2
Sie erhielten entweder einmal täglich Fosamprenavir / Ritonavir
oder zweimal
täglich Nelfinavir
(VIRACEPT). Zusätzlich wurden beide
Gruppen mit den
Nukleosid-Analoga Abacavir
(ZIAGEN) und Lamivudin
(EPIVIR) behandelt.
Das
Therapieergebnis war nach 48 Wochen in beiden Gruppen ähnlich,
wenn die Anzahl
der CD4-Zellen oder die virale RNA als Parameter herangezogen wurden.
Mangelhaftes Ansprechen („virologisches Versagen“) lag allerdings bei
17% der
Nelfinavir-behandelten Patienten vor, während dies nur bei 7% der
Patienten
zutraf, die mit Fosamprenavir behandelt worden waren. In der
„Context“-Studie
wurde das Präparat mit Lopinavir / Ritonavir (KALETRA) bei
Patienten
verglichen, die bereits mit anderen Protease-Inhibitoren vorbehandelt
worden
waren. In diesem Vergleich gab es bei Betrachtung der Rate an
„virologischem
Versagen“ eine Tendenz zu günstigeren Ergebnissen mit Lopinavir /
Ritonavir.
Unerwünschte
Wirkungen, Interaktionen
Die
Verträglichkeitsdaten von Fosamprenavir stammen aus den klinischen
Studien, in
denen das Medikament zusammen mit Ritonavir in Kombination mit anderen
antiretroviralen Wirkstoffen verabreicht wurde. Danach treten die
folgenden
unerwünschten Wirkungen häufig auf: Kopfschmerzen, Schwindel,
Müdigkeit,
Übelkeit, Erbrechen, Hautausschlag. Diarrhöen sind in diesen
Studien sogar sehr
häufig (<10%) aufgetreten. Die Exantheme bilden sich in der
Regel spontan
zurück, ohne dass eine Unterbrechung der Behandlung notwendig ist.
Lebensbedrohliche Hautreaktionen, etwa mit systemischen Symptomen oder
einer
Beteiligung der Schleimhäute, wurden bei weniger als 1% der
Patienten
beobachtet. In diesen Fällen muss die Behandlung sofort
abgebrochen werden.
Ähnlich wie andere Protease-Inhibitoren ist auch Amprenavir ein potenter Inhibitor des Cytochroms CYP3A4. Die inhibierende Wirkung ist bei Ritonavir noch stärker ausgeprägt, Ritonavir hemmt darüber hinaus auch CYP2D6, und induziert die Cytochrome CYP1A2, CYP2C9 sowie die Glucuronosyl-Transferase. Daraus ergeben sich zahlreiche, zum Teil komplexe und in ihrer individuellen Ausprägung sehr variable Interaktionsmöglichkeiten mit anderen Arzneistoffen. Vor Beginn der Therapie sollten daher die entsprechenden Informationen für Fosamprenavir und Ritonavir eingeholt werden (z. B. aus den Fachinfos). ZUSAMMENFASSUNG
Fosamprenavir (TELZIR)
ist ein Prodrug des bereits seit einigen Jahren
bekannten Proteaseinhibitors Amprenavir (AGENERASE). Das neu
entwickelte
Derivat wird nach oraler Gabe besser resorbiert, weshalb die Anzahl der
einzunehmenden Tabletten reduziert werden konnte. Beide Mittel sollen
zur Verbesserung
des pharmakokinetischen Verhaltens mit Ritonavir in niedriger Dosierung
kombiniert werden („Boosterung“). In den bisher publizierten
Informationen zur
klinischen Wirksamkeit weist Fosamprenavir / Ritonavir in Kombination
mit
anderen antiretroviralen Wirkstoffen eine Nutzen-Risiko-Relation auf,
die mit
der von anderen Protease-Inhibitoren vergleichbar ist. Vorteilhaft
erscheint
die geringere Anzahl der Tabletten die eingenommen werden muss.
1. FACHINFO
TELZIR, GlaxoSmithKline,
München, Juli 2004
2. GATHE JC JR, IVE P et al. SOLO: 48-week efficacy and safety comparison of once-daily fosamprenavir /ritonavir versus twice-daily nelfinavir in naive HIV-1-infected patients. AIDS. 2004 Jul 23;18(11):1529-37.
Seit der Erstellung und Veröffentlichung dieses Artikels in der Zeitschrift für Chemotherapie (Heft 5, 2004) sind zahlreiche weitere Arbeiten über Fosamprenavir publiziert worden. Insbesondere soll an dieser Stelle auf die folgende Arbeit hingewiesen werden: ARVIEUX C, TRIBUT O.Amprenavir or fosamprenavir plus ritonavir in HIV infection: pharmacology, efficacy and tolerability profile. Drugs. 2005;65(5):633-59. |