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Clindamycin Unveränderter Text aus ZCT Heft 1, 2011 Clindamycin
(SOBELIN u.a.) wird halbsynthetisch hergestellt, indem eine
Hydroxylgruppe im
Lincomycin durch ein Chloratom ersetzt wird. Das Antibiotikum wurde
bereits in
den 1960er Jahren entwickelt und zugelassen. Heute ist es
verfügbar als Clindamycin-HCl
in Kapseln oder als Clindamycin-Palmitat in Form eines Granulats zur
oralen
Therapie, sowie als Clindamycin-2-dihydrogenphosphat zur parenteralen
Gabe. In
diversen Gel- und Creme-Zubereitungen steht es auch zur topischen
Behandlung
zur Verfügung.1,2,3 Wirkungsmechanismen,
Wirkungsspektrum Clindamycin
bindet an die 50S-Untereinheiten der bakteriellen Ribosomen. Dadurch
wird die Anlagerung
der Aminoacyl-t-RNA an das Peptidyltransferase-Zentrum der Ribosomen
blockiert.
Es resultiert ein bakteriostatischer Effekt, bei sehr empfindlichen
Stämmen und
hohen Wirkstoffkonzentrationen kann auch eine bakterizide Wirkung
beobachtet
werden. Die Bindung von Clindamycin an Ribosomen interferiert
funktionell mit
der von Makroliden, obwohl sie sich in der chemischen Struktur
wesentlich
unterscheiden. Zum
Wirkungsspektrum gehören grampositive Bakterien, insbesondere
Staphylokokken,
und anaerob wachsende gramnegative Stäbchen, wie Bacteroides
fragilis. Die gute
Aktivität gegen Staphylokokken (unabhängig von der
Penicillinaseproduktion)
sowie gegen Anaerobier in Mischinfektionen wird therapeutisch am
häufigsten
genutzt. Allerdings bestehen bei einigen Anaerobiern, wie zum Beispiel
B.
fragilis, häufig hohe Resistenzraten, die typischerweise regional
sehr
unterschiedlich sein können. Die
meisten gramnegativen Erreger, wie Enterobacteriaceae, Pseudomonas oder
Enterobacter, sind nicht empfindlich, wahrscheinlich weil das
Antibiotikum
nicht durch die diversen Schichten der Zellwand und Zellmembran ins
Zytoplasma penetrieren
kann. Von
therapeutischem
Interesse ist auch die inhibitorische Aktivität gegen P.
falciparum und T.
gondii. Mehrere
Mechanismen sind bekannt, durch die Erreger resistent gegen Clindamycin
werden
können. Am bedeutsamsten ist die Veränderung in der 23S r-RNA
der
50S-Untereinheit durch Methylierung von Adenin. Dieser Mechanismus ist
meist
Plasmid-kodiert und induziert eine MLSB-Typ Resistenz (MLS:
Makrolide, Lincosamide, Streptogramine) und kann zum Beispiel bei
klinisch
wichtigen Erregern, wie S. aureus, S. pyogenes oder B. fragilis
vorkommen. Die
ursächliche Methylase wird auf ermA
oder ermC Genen kodiert. Andere
Veränderungen an der rRNA sind ebenfalls als
Resistenzmechanismen beschrieben
worden und schließlich sind bakterielle Enzyme bekannt, die das
Molekül
verändern und damit inaktivieren. Pharmakokinetische
Eigenschaften Clindamycin
wird nach oraler Verabreichung rasch und zu etwa 90% resorbiert. Durch
gleichzeitige Nahrungsaufnahme wird die Resorption geringfügig
verzögert. Etwa
eine Stunde nach oraler Aufnahme einer Einzeldosis von 300 mg liegen
die
Konzentrationen im Blut bei 3,6 mg/l und fallen auf einen mittleren
Wert von
1,1 mg/l fünf Stunden später. Wird die gleiche Dosis
intramuskulär gegeben,
liegen die Spitzenspiegel bei 6 mg/l. Bei Infusion höherer
Dosierungen können
maximale Konzentrationen von 14 mg/l und mehr erreicht werden. Die
Bindung an
Plasmaproteine liegt bei etwa 60 bis 90 %. Clindamycin ist gut
gewebegängig und
auch intrazellulär antibakteriell wirksam. Im Liquor werden jedoch
keine
therapeutisch wirksamen Konzentrationen erreicht. Clindamycin gilt als
gut
knochengängig; allerdings gibt es nur wenige Arbeiten, in denen
dies
dokumentiert wird. Bei 30 Patienten, die vor einer
Hüftgelenkoperation mehrere
Dosen von jeweils 300 mg Clindamycin intramuskulär erhalten
hatten, lagen die
Konzentrationen eine Stunde nach der letzten Injektion im Serum bei
7,33 ± 3,37
mg/l, im Knochen wurde weniger als die Hälfte (2,63 ± 1,76
mg/kg) gemessen.4 Clindamycin
wird überwiegend hepatisch metabolisiert und mit einer
Halbwertzeit von etwa 2
bis 3 Stunden zumeist mit den Fäzes und zu etwa einem Drittel mit
dem Urin
eliminiert. Die Metaboliten besitzen eine antibakterielle
Aktivität, die zum
Teil die der Ausgangssubstanz übertrifft (z. B.
N-Dimethyl-Clindamycin).
Mindestens fünf Tage lang ist im Stuhl die antibakterielle
Aktivität
nachweisbar, was mit einer Beseitigung der sensiblen Flora verbunden
ist - ein
Effekt, der mindestens 14 Tage nach einer Behandlung nachweisbar ist.
Die
mittleren Konzentrationen im Stuhl zeigten eine erhebliche
interindividuelle
Variabilität und nehmen mit der Behandlungsdauer deutlich von 12,6
mg/kg (Tag
1) auf 22,4 mg/kg (Tag 3) und 203,8 mg/kg am Tag 5 zu.5 Die
empfohlene Dosierung beim Erwachsenen liegt bei 1,2 bis 1,8 g oral
täglich
aufgeteilt in drei bis vier Einzeldosen. Intravenös können
Tagesdosen von bis
zu 4,8 g gegeben werden. Bei leichten Nierenfunktionsstörungen
muss die
Dosierung von Clindamycin nicht angepasst werden, deutlichere
Einschränkungen
erfordern eine Reduktion der Dosierung und/oder Verlängerung des
Dosierungsintervalls. Auch bei schwerer hepatischer Insuffizienz wird
eine
reduzierte Dosierung empfohlen. In beiden Fällen ist eine
Bestimmung der
Plasmaspiegel zur Kontrolle sinnvoll.1,2 Therapeutische
Anwendung Als
typischer Vertreter einer Gruppe von bereits lange bekannten
Antibiotika
besteht einerseits eine langjährige therapeutische Erfahrung mit
Clindamycin,
andererseits sind die verfügbaren Daten aus klinischen Studien
aber sehr
limitiert. Umfangreiche, randomisierte klinische Studien, wie sie mit
neueren
Antiinfektiva routinemäßig durchgeführt werden, liegen
nicht vor. Die in den
Fachinformationen der zahlreichen, überwiegend generischen
Präparate angegebenen
Indikationen sind nicht exakt definiert (z. B. „Infektionen der tiefen
Atemwege“) und beruhen nicht auf qualitativ hochwertigen Studien, wie
sie heute
zwingend gefordert werden. Im Jahr 1983 wurde z. B. eine randomisierte,
prospektive Studie veröffentlicht, in der Penicillin G (diverse
Warenzeichen) in
einer Tagesdosierung von 6 Mio E. mit Clindamycin bei insgesamt 39 (!)
Patienten mit Lungenabszess verglichen wurde. Clindamycin war unter
diesen
Bedingungen das überlegene Antibiotikum.6 In einer
neueren
prospektiven Studie bei 70 Patienten mit Aspirationspneumonie und
Lungenabszess
wurde eine Kombination aus Clindamycin plus Cephalosporin mit
Ampicillin plus
Sulbactam (UNACID u.a.) verglichen. In dieser Studie zeigte sich eine
gleich
gute Wirksamkeit der beiden Regime.7 Die
schlechte Datenlage bei den klinischen Studien erschwert eine rationale
Beurteilung des therapeutischen Stellenwertes des Antibiotikums.
Während bei
später entwickelten Präparaten die Therapieentscheidung auf
der Basis valider
klinischer Daten gefällt werden kann, fehlt diese Information bei
Clindamycin
ebenso wie bei einigen anderen älteren Antibiotika. Auch der weit
verbreitete
Einsatz des Medikamentes in der Zahnheilkunde ist nicht durch
umfangreiche
kontrollierte Studien belegt. Laut
Fachinformation SOBELIN SOLUBILE3 ist Clindamycin bei
folgenden
Infektionen indiziert: Akute
und chronische bakterielle Infektionen durch Clindamycin-empfindliche
Erreger,
wie –
Infektionen der
Knochen und Gelenke, –
Infektionen des
Hals-Nasen-Ohren-Bereichs, –
Infektionen des
Zahn- und Kieferbereichs, –
Infektionen der
tiefen Atemwege, –
Infektionen des
Becken- und Bauchraumes, –
Infektionen der
weiblichen Geschlechtsorgane, –
Infektionen der
Haut und Weichteile, –
Scharlach, –
Septikämie, –
Endokarditis. Besondere
Bedeutung hat die Therapie mit Clindamycin in folgenden Situationen: 1. bei
Patienten
mit Allergie gegen ß-Laktamantibiotika 2. bei
akuten Infektionen mit wahrscheinlicher Anaerobierbeteiligung
(Peritonitis,
Adnexitis, Aspirationspneumonie u.a.) in Kombination mit anderen
Antibiotika 3. zur
langfristigen oralen (Nach)Behandlung einer Osteomyelitis 4. zur
Prophylaxe
bei Patienten mit Penicillinallergie und einem hohen Risiko für
eine
Endokarditis: vor zahnärztlichen Eingriffen einmalig 600 mg
Clindamycin, ca.
30–60 min vor dem Eingriff oral. Unerwünschte
Wirkungen Eine
Therapie mit Clindamycin ist relativ häufig mit unerwünschten
Wirkungen
verbunden. Durch Beeinflussung der Darmflora treten Diarrhöen
vermehrt auf,
eine pseudomembranöse Enterokolitis ist als schwerwiegende
Komplikation bekannt.
Gelegentlich steigen unter Clindamycin die Bilirubin- und
Leberenzymwerte im
Blut. Überempfindlichkeitsreaktionen verlaufen meist mit
masernähnlichem
Exanthem, Juckreiz und/oder arzneimittelbedingtem Fieber; sehr selten
sind schwere
Allgemeinreaktionen (z. B. Stevens-Johnson-Syndrom oder Sweet-Syndrom).8 Bei
längerer
Therapiedauer sind Blutbildveränderungen, wie Thrombozytopenie
oder Leukopenie
möglich. Bei zu schneller Infusion von Clindamycin können
Übelkeit,
Herzrhythmusstörungen und Blutdruckabfall auftreten. Wegen
des Gehaltes an Benzylalkohol sind Clindamycin-Injektions-Lösungen
bei Neugeborenen
und unreifen Frühgeborenen kontraindiziert.2 ZUSAMMENFASSUNG:
Clindamycin (SOBELIN u.a.) ist ein lang bekanntes Antibiotikum, das
sowohl zur
oralen, parenteralen als auch topischen Therapie zur Verfügung
steht. Zum
Wirkungsspektrum gehören vor allem grampositive und anaerobe
Bakterien. Mehrere
Mechanismen der Resistenzentwicklung wurden beschrieben. Nach oraler
Gabe ist
die Resorption nahezu vollständig, die Gewebegängigkeit ist
relativ gut,
allerdings werden keine therapeutisch ausreichenden Konzentrationen im
Liquor
erreicht. Die Elimination erfolgt vorwiegend durch hepatische
Metabolisierung,
die Halbwertzeit liegt bei 2 bis 3 Stunden. Clindamycin ist für
ein breites
Spektrum von Infektionen zugelassen. Vor dem Hintergrund der heute
üblichen eng
definierten und durch umfangreiche klinische Studien belegten
Indikationen muss
dies kritisiert werden. Zwar unterstützen die mikrobiologischen
und
pharmakologischen Daten, sowie die langjährige klinische Erfahrung
den Einsatz
des Antibiotikums bei Infektionen durch grampositive und anaerobe
Bakterien -
fundiert nachgewiesen ist die therapeutische Wirksamkeit allerdings
nicht. Die
Therapie mit Clindamycin sollte auch unter Berücksichtigung der
nicht optimalen
Verträglichkeit nur nach sorgfältiger Abwägung der Vor-
und Nachteile erfolgen. 1.
SIVAPALASINGAM,
S. und STEIGBIGL, N.H. in: Mandell / 2. Information für
Fachkreise SOBELIN, Pfizer / Pharmacia, September 2010
(www.fachinfo.de) 3. Information für
Fachkreise SOBELIN SOLUBILE, Pfizer / Pharmacia, September 2010
(www.fachinfo.de) Antimicrob Agents Chemother 1975; 8: 220-221 Antimicrob
Agents Chemother 1981; 20: 736-740 Ann
Intern Med 1983; 98:466-471 Clin
Microb Infect 2004; 10:163-170 J Am
Acad Dermatol 2010; 62: 898-900 |