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Ciprofloxacin - ein neues
Chemotherapeutikum Aktuelle Ergänzungen am Ende des Textes Ciprofloxacin (CIPROBAY) ist ein neues Chemotherapeutikum aus der Gruppe der 4-Chinolone. Die internationale Kurzbezeichnung deutet auf die charakteristischen Strukturmerkmale der Substanz hin (Cyclopropyl - substituiertes und fluoriertes Oxo-chinolonderivat) - der Handelsname läßt mit etwas Phantasie darüber hinaus auch die Herstellerfirma erkennen. Mit dieser Neueinführung stehen dem Arzt in der Bundesrepublik Deutschland neben Norfloxacin (BARAZAN, vgl. "ZCT" 5:21,1984) und Ofloxacin (TARIVID, vgl. "ZCT" 6:27,1985) insgesamt drei "Fluorchinolone" zur Behandlung von Patienten mit bakteriellen Infektionen zur Verfügung. Antibakterielle Eigenschaften Wie die anderen Chinolone, so hemmt auch Ciprofloxacin das bakterielle Enzym Gyrase und wirkt durch diesen Eingriff in den bakteriellen DNA-Stoffwechsel rasch bakterizid. Von allen bisher bekannten und entsprechend untersuchten Chinolonen weist Ciprofloxacin bei fast allen Erregern die niedrigsten MHK90-Werte auf (minimale Hemmkonzentration, bei der mindestens 90% der untersuchten Stämme einer Bakterienart gehemmt werden). Nach den in vitro-Untersuchungen ist dieses Chemotherapeutikum eines der aktivsten antibakteriellen Medikamente mit breitem Spektrum, die heute in der Infektionsbehandlung zur Verfügung stehen.1,2 Besonders empfindlich sind Hämophilus influenzae und die Enterobakterien E. coli, Klebsiella pneumoniae, Enterobacter aerogines und cloacae, Proteus-Arten, Shigella und andere werden bereits bei Konzentrationen von 0,02 bis 0,12 mg/l erfaßt. Die Hemmwerte für Pseudomonas aeruginosa und Serratia marcescens liegen mit 0,5 und 1,0 mg/l höher. Relativ gering ist die Wirkung im grampositiven Bereich: es sind etwa doppelt so hohe Konzentrationen notwendig, um auch Staphylokokken und Streptokokken zu erfassen. Eine deutliche "schwache Stelle" im Spektrum stellen die anaeroben Erreger dar. Die MHK90-Werte für Clostridium difficile und Bacteroides-Stämme, die zur "non-fragilis"-Gruppe gehören, liegen z.B. bei 8 und 16 mg/l. Da derartig hohe Konzentrationen im Plasma nach therapeutischer Dosierung nicht erreicht werden, müssen diese Erreger als resistent bezeichnet werden. Pharmakokinetische Eigenschaften Ciprofloxacin kann entweder oral oder
intravenös
verabreicht werden. Nach oraler Gabe einer Einzeldosis von 250 mg
können
nach einer Stunde im Plasma Spitzenkonzentrationen von etwa 1,7 mg/l
erwartet
werden. Nach 500 und 750 mg liegen die Konzentrationen höher (2,3
und 2,7 mg/l), steigen aber offenbar nicht proportional an.3,4 Therapeutische Anwendung Während besonders die antibakteriellen, aber auch die pharmakokinetischen Eigenschaften der Neueinführung umfassend untersucht und gut dokumentiert sind, gibt es in der internationalen Literatur bisher nur wenige kontrollierte Studien, aus denen sich die eindeutige klinische Bedeutung des Ciprofloxacin schon jetzt ableiten ließe. Eine ähnliche Situation besteht allerdings auch bei vergleichbaren Präparaten. Eine kritiklose Transformation des beeindruckend breiten antibakteriellen Spektrums der Fluorchinolone zu einem "Indikationskatalog" ist sicher nicht sinnvoll. Die therapeutische Wirksamkeit muß in jedem Fall erst in klinischen Studien nachgewiesen werden. "Offen" durchgeführte klinische Studien an meist recht begrenzten Patientenkollektiven liegen für Ciprofloxacin bei zahlreichen Krankheitsbildern vor. Bei Harnwegs- und Atemwegsinfektionen, bei gastrointestinalen und bei genitalen Infektionen, bei Wundinfektionen und anderen Indikationen wurden "Heilungsquoten" mit Ciprofloxacin von oft deutlich mehr als 90% berichtet. Da bei einem zu weit gefaßten Indikationskatalog der Chinolone wohl bald mit neuen Problemen gerechnet werden muß (Resistenzentwicklungen, Nebenwirkungen), sollten Ciprofloxacin und ähnlich wirksame Chemotherapeutika nur bei komplizierten Harnwegs- und Atemwegsinfektionen durch gramnegative Erreger als therapeutische Alternative in Betracht gezogen werden. Auch bei schweren intestinalen und bei "ungünstig lokalisierten" Infektionen (z.B. Prostatitis, Osteomyelitis) stellen sie sicherlich eine therapeutische Bereicherung dar. Da Ciprofloxacin sowohl zur parenteralen als auch zur oralen Verabreichung zur Verfügung steht, ergibt sich hier die Möglichkeit, schwerkranke Patienten initial parenteral zu behandeln und bei einer Besserung des Zustandes auf die orale Therapie überzugehen. Besonders attraktiv erscheint die Möglichkeit einer oralen Behandlung von Infektionen, die durch Pseudomonas aeruginosa ausgelöst werden. Vor allzu viel Optimismus muß allerdings gewarnt werden: bereits in den ersten klinischen Studien fiel eine rasche Resistenzentwicklung und Persistenz dieses "Problemkreises" während der Behandlung auf. Diese Komplikationen sind bereits hinlänglich aus der parenteralen Pseudomonas-Therapie mit ß-Laktam-Antibiotika bekannt. Pseudomonas-Infektionen treten fast ausnahmslos bei Patienten mit schweren Grunderkrankungen auf - erst unter diesen Bedingungen kommt es zur Infektion. Da mit der antibakteriellen Chemotherapie die Ausgangssituation nicht geändert wird, muß grundsätzlich mit Persistenz des Erregers und mit Rezidiven gerechnet werden. Toxizität und Nebenwirkungen Aus den Daten von fast zweitausend
Patienten, die mit
Ciprofloxacin behandelt wurden, konnte eine Gesamtinzidenz von 9%
Nebenwirkungen
errechnet werden.6
Das "Nebenwirkungsprofil" des neuen Chemotherapeutikums entsprach im
wesentlichen
den Angaben, die bereits bei anderen Chinolonen gemacht wurden.
Gastrointestinale
Störungen wie Völlegefühl, Appetitlosigkeit, Erbrechen
und
Magenschmerzen machen mit 4,5% den größten Anteil aus. Am
zweithäufigsten
waren zentralnervöse Störungen (1,6%). Besonders diese Art
unerwünschter
Nebenwirkungen lassen sich nur schwer objektiv erfassen und der
gegenwärtige
Kenntnisstand über die tatsächliche Häufigkeit von
Störungen
wie Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Müdigkeit und Mattigkeit
nach Ciprofloxacin-Einnahme läßt zu wünschen
übrig.
Es soll daran erinnert werden, daß die Häufigkeit dieser
Symptome,
wie sie in klinischen Studien ermittelt wurde, nicht ohne weiteres auf
den ambulanten Bereich übertragen werden kann. Auch schwere
ZNS-bezogene
Nebenwirkungen (Krampfanfälle, Erregungszustände,
Verwirrtheit
und Halluzinationen) sind nach Behandlung mit Ciprofloxacin - wenn auch
sehr selten - aufgetreten. In diesen Fällen ist die Frage der
Kausalität
oftmals sehr schwer zu beantworten: Wurden die beobachteten Reaktionen
durch die Infektion verursacht oder durch das Medikament oder sind sie
"spontan" aufgetreten? Offensichtlich sind ZNS-Unverträglichkeiten
durch Chinolone vermehrt bei älteren Patienten (>70 Jahre)
sowie bei
zerebralen Vorschäden zu beobachten. Schließlich muß
in
1-2% der Behandlungen mit Überempfindlichkeitsreaktionen
(Exantheme,
phototoxische Reaktionen) gerechnet werden. Da Ciprofloxacin in
neutralen
und schwach alkalischen Lösungen schlecht löslich ist, wurden
in toxikologischen Untersuchungen an Ratten und Affen nephrotoxische
Reaktionen
durch Auskristallisation des Wirkstoffes in den ableitenden Harnwegen
beobachtet.
Auch beim Menschen kann es unter Umständen zur leichten
Kristallurie
kommen. In den klinischen Studien ergab sich kein Hinweis auf ein
besonderes
nephrotoxisches Potential der Substanz unter therapeutischen
Bedingungen;
das Problem sollte jedoch bei einer routinemäßigen Anwendung
weiterhin bedacht werden und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen
(Flüssigkeitszufuhr!)
sollten eingehalten werden. ZUSAMMENFASSUNG Ciprofloxacin (CIPROBAY) wirkt durch Hemmung des Enzyms "Gyrase" bakterizid gegen ein breites Spektrum bakterieller Erreger. Die höchste Aktivität besteht gegenüber Enterobakterien. Das Fluorchinolon kann parenteral und oral verabreicht werden. Nach der Resorption aus dem Gastrointestinaltrakt kommt es zu einem first-pass-effect in der Leber, etwa 10-20% der Substanz werden metabolisiert; der überwiegende Teil wird unverändert renal eliminiert. Das neue Chemotherapeutikum stellt bei der Behandlung von komplizierten Harnwegs- und Atemwegsinfektionen durch gramnegative Erreger sicherlich eine therapeutische Bereicherung dar; insbesondere ist die orale Behandlungsmöglichkeit von Pseudomonas-Infektionen hervorzuheben. Die Nebenwirkungen betreffen hauptsächlich den Gastrointestinaltrakt und das Zentralnervensystem. Während der Behandlung ist auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten, um nephrotoxische Effekte durch Kristallurie zu vermeiden. Da Chinolone bei juvenilen Versuchstieren Gelenkschäden verursachen, dürfen Schwangere, Kinder und Jugendliche nicht mit diesen Chemotherapeutika behandelt werden. 1
WOLFSON, J.S., HOOPER, D.C. Antimicrob. Agents Chemother. 28:581-586,
1985
Aktuelle Ergänzungen (Dezember 2009)
Seit der Erstellung
und Veröffentlichung dieses Artikels
in der Zeitschrift für Chemotherapie (Heft 6, 1986) sind
zahlreiche
weitere Arbeiten über Ciprofloxacin publiziert worden.
Insbesondere
soll an dieser Stelle auf die folgenden Arbeiten hingewiesen werden:
DAVIS,
R. et al. Drugs 1996 Jun;51(6):1019-1074. Antimicrob Agents Chemother. 2007 Jan;51(1):346-9. 2. ZIMMERLI
W, WIDMER AF et al. Role
of rifampin for
treatment of orthopedic implant-related staphylococcal infections: a
randomized
controlled trial. Foreign-Body
Infection (FBI) Study Group. JAMA. 1998 May 20;279(19):1537-41. 3. BROUWERS EE, SOHNE M et al. Ciprofloxacin strongly inhibits clozapine metabolism: two case reports. Clin Drug Investig. 2009;29(1):59-63. |