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eine lang bekannte Substanz mit neuer Indikation Unveränderter Text aus ZCT Heft 3, 2003 ![]() Aktuelle Ergänzungen am Ende des Textes Brivudin (ZOSTEX) ist
kein neues Virustatikum,
aber es
ist für eine neue Indikation zugelassen. Das Nukleosidanalogon
wurde
bereits in den siebziger Jahren in der damaligen DDR und in England
synthetisiert.
Während es bis zum Jahr 2000 unter dem Handelsnamen HELPIN zur
Therapie
von Herpes simplex-Infektionen angeboten wurde, steht es seit 2001 zur
Behandlung eines Herpes zoster bei immunkompetenten Erwachsenen unter
dem
Handelsnamen ZOSTEX zur Verfügung. Die Empfehlung zur
Häufigkeit
der täglichen Einnahme wurde gleichzeitig mit der
Indikationsänderung
von viermal täglich auf einmal täglich reduziert.
![]() Strukturformel Brivudin Antivirale Wirkung
Ähnlich wie Aciclovir (ZOVIRAX u.a.) oder andere Nukleoside muss die Substanz erst zum Triphosphat umgewandelt werden, bevor es durch Hemmung der DNA-Polymerase seine Hemmwirkung gegen Herpesviren entfalten kann. Da die Phosphorylierung vor allem in virusinfizierten Zellen abläuft, werden diese Zellen bevorzugt betroffen. Im direkten Vergleich mit den anderen Virustatika, die zur Zostertherapie angeboten werden, besitzt es in vitro eine mehr als 100fach höhere antivirale Aktivität als Aciclovir oder Penciclovir/Famciclovir (FAMVIR). Bereits niedrige Konzentrationen im Bereich von 0,001 mg/l reichen zur Hemmung des Varizella-Zoster-Virus aus. Pharmakokinetische Eigenschaften Nach oraler Einnahme unterliegt die Substanz einem erheblichen „first-pass-Effekt“ – die Bioverfügbarkeit liegt daher nur bei etwa 30%. Eine Stunde nach Einnahme einer Dosis von 125 mg werden im Plasma mittlere Konzentrationen von etwa 1,7 mg/l gemessen – die Konzentrationen liegen also um ein Vielfaches über den in vitro erforderlichen Konzentrationen zur Hemmung der Viren. Die Resorption wird durch gleichzeitige Nahrungsaufnahme zwar verzögert, aber insgesamt nicht beeinflusst. Der Wirkstoff wird zu >95% an Plasmaproteine gebunden, das Verteilungsvolumen wird mit 75 Litern angegeben. Brivudin wird durch das Enzym Pyrimidinphosphorylase, welches die Zuckerkomponente abspaltet, zu Bromvinyluracil (BVU), einem Metaboliten ohne virustatische Aktivität abgebaut. Nach weiteren metabolischen Schritten wird die Substanz überwiegend in metabolisierter Form im Urin ausgeschieden, die terminale Halbwertzeit wurde mit 16 Stunden berechnet. Eine Anpassung der Dosierung bei Patienten mit Niereninsuffizienz oder Leberinsuffizienz (Child-Pugh A-B) ist nicht erforderlich.1 Klinische Wirksamkeit Eine siebentägige Therapie mit täglich einmal 125 mg Brivudin ist wirksam bei Herpes zoster, wenn das Präparat innerhalb von 48 (bis maximal 72) Stunden nach Beginn der Symptomatik genommen wird. Für Brivudin wird vom Hersteller eine überlegene klinische Wirksamkeit in Anspruch genommen, die mit der hohen antiviralen Wirkung in vitro erklärt wird. Als Kriterium wird die Zeit vom Beginn der Behandlung bis zum letztmaligen Auftreten neuer Bläschen herangezogen: in Vergleichsstudien mit Aciclovir war diese Zeitspanne von 18 Stunden auf etwa 13 bis 14 Stunden reduziert; darüber hinaus wird darauf hingewiesen, dass die Häufigkeit der postzosterischen Neuralgie in einer Vergleichsstudie nach Behandlung mit Brivudin seltener war (33%), als nach Behandlung mit Aciclovir (43%). Die entsprechende Untersuchung wurde allerdings nicht als ausführliche wissenschaftliche Veröffentlichung publiziert, sondern nur in Form eines Posterbeitrags, Details sind daher nicht verfügbar. Auf die generellen Limitierungen solcher Einzelstudien wurde hingewiesen.3 Generell ist die Datenlage zu Brivudin nicht so umfangreich, wie bei den anderen Virustatika, die für die Indikation „Zoster“ angeboten werden. Dieses Nukleosid ist international nicht so verbreitet, wie Aciclovir, Valaciclovir oder Famciclovir. Unerwünschte Wirkungen, Risiken Die Daten aus klinischen Studien zeigen, dass Brivudin insgesamt gut vertragen wird. Die häufigsten unerwünschten Wirkungen betrafen den Gastrointestinaltrakt. Über Übelkeit klagten etwa 2% der Patienten, Störungen des Nervensystems (Kopfschmerzen, Schwindel etc.) waren seltener. Bei einer Behandlung mit Brivudin kann es zu ernsthaften Komplikationen kommen, wenn eine gleichzeitige oder zeitnahe Therapie mit dem Zytostatikum 5-Fluoruracil (RIBOFLUOR u.a.) oder anderen 5-Fluorpyrimidinen erfolgt. Zwischen der Gabe dieser Medikamente muss ein zeitlicher Abstand von mindestens vier Wochen liegen, denn Brivudin hemmt das Enzym Dihydropyrimidindehydrogenase (= DPD), welches für den Abbau physiologischer Pyrimidine und entsprechender halbsynthetischer Derivate zuständig ist. Die ausgeprägte und nachhaltige Hemmung des Enzyms erfolgt durch den Metaboliten Bromvinyluracil (BVU) und führt zu einer Kumulation und verstärkten Toxizität von 5-Fluoruracil, die sich in erheblichen gastrointestinalen Symptomen, Neutropenie und Knochenmarkdepression äußern kann. Bei Gabe der nahen verwandten Substanz Sorivudin (in Deutschland nicht im Handel) zusammen mit 5-Fluoruracil ist es zu Todesfällen aufgrund dieser Interaktion gekommen – dies ist in diesem Zusammenhang von Interesse, da sowohl Brivudin als auch Sorivudin zum gleichen Metaboliten Bromvinyluracil (BVU) abgebaut werden.2 ZUSAMMENFASSUNG Brivudin (ZOSTEX) weist in vitro eine hohe Aktivität gegen Herpesviren auf; die Substanz wird in ausreichendem Maße aus dem Gastrointestinaltrakt resorbiert. Ein Herpes zoster lässt sich durch die einmal tägliche orale Gabe von 125 mg behandeln. Dabei ist das Virustatikum mindestens ebenso wirksam, wie Aciclovir (ZOVIRAX u.a.), Valaciclovir (VALTREX) oder Famciclovir (FAMVIR). Klinische Daten deuten sogar eine Überlegenheit im Vergleich zu den genannten Virustatika an; jedoch sind weitere Untersuchungen notwendig, um diese Ergebnisse zu verifizieren. 1. Fachinfo Zostex, Berlin Chemie, März 2003 2. DIASIO RB. Sorivudine and 5-fluorouracil; a clinically significant drug-drug interaction due to inhibition of dihydropyrimidine dehydrogenase. Br J Clin Pharmacol. 1998 Jul;46(1):1-4. 3. GROSS G, SCHOFER H et al. Herpes zoster guideline of the German Dermatology Society (DDG). J Clin Virol. 2003 Apr;26(3):277-89 Seit der
Erstellung und
Veröffentlichung dieses Artikels in der Zeitschrift für
Chemotherapie
(Heft 3, 2003) sind zahlreiche weitere Arbeiten über Brivudin
publiziert
worden. Insbesondere soll an dieser Stelle auf folgende Arbeit
hingewiesen
werden:
1. DWORKIN RH, JOHNSON RW et al. Recommendations for the management of herpes zoster. Clin Infect Dis. 2007 Jan 1;44 Suppl 1:S1-26. |