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Treponema
pallidum ssp. pallidum
Taxonomie,
Morphologie und Kultur T.pallidum zählt zur Gattung Treponema, Familie
Spirochaetaceae. Weitere pathogene Subspezies sind T.pallidum ssp.
endemicum (Krankheitsbild Bejel), ssp. pertenue (Krankheitsbild
Frambösie) sowie ssp. carateum (Krankheitsbild Pinta), diese
Spezies kommen jedoch nur außerhalb Europas vor, können aber
bei serologischen Untersuchungen kreuzreagieren. Es handelt sich um
gramnegative gewundene Bakterien mit schlechter Anfärbbarkeit, die
außerhalb des Körpers nur für kurze Zeit
überleben, länger jedoch z.B. in Blutkonserven. Eine Kultur
ist gegenwärtig nicht möglich, jedoch eine Anzucht im
Kaninchenhoden.
Epidemiologie
T.pallidum ist weltweit verbreitet, die erste
Beschreibung eines Ausbruchs in Europa erfolgte 1494 bei der Belagerung
von Neapel. Eine sehr gute Beschreibung der Infektionskette findet sich
in dem 1759 veröffentlichten Roman Candide von Voltaire.1
Die Inzidenz lag in Deutschland im Jahr 2008 bei 3,9
Fällen/100.000 Einwohner; der Frauenanteil sank auf 7%. In
einzelnen Städten (z.B. Berlin, Hamburg, München) wurden
Ausbrüche registriert, betroffen waren ausschließlich
Männer mit hoher Rate an Reinfektionen. Es besteht ein enger
Zusammenhang zwischen positiver Lues-Serologie und
HIV-Serokonversionsrate. Die Zahl konnataler Erkrankungen liegt mit ein
bis sieben Fällen sehr niedrig.2Pathogenese, Krankheitsbild (Lues/Syphilis)
Die Erreger penetrieren durch die genitalen (oder auch
andere) Schleimhäute und disseminieren über den lymphatischen
Weg sowie über die Blutbahn im gesamten Körper
einschließlich ZNS. Eine Übertragung ist sowohl
transplazentar als auch über Blutkonserven möglich. Klinische
Symptome gibt es nur bei etwa 50% der Infektionen; der Verlauf der
Erkrankung gliedert sich in drei klinische Stadien: Primärstadium
(Lues I) mit Auftreten einer Primärläsion (Ulcus durum oder
harter Schanker) mit schmerzlosen, scharf abgegrenzten, nicht
unterminierten Rändern, Inkubationszeit (9)-14 bis 24-(90) Tage.
Die Primärläsion ist z.B. an den Genitalien, Mund, Anus, aber
auch an anderen Kontaktstellen lokalisiert. Diese Läsionen sind
hochinfektiös! Die regionalen Lymphknoten sind geschwollen. Die
Abheilung des Primärkomplexes (Ulcus durum plus geschwollene
Lymphknoten) erfolgt nach vier bis sechs Wochen.Beginn des Sekundärstadiums (Lues II; infektiös) nach (4)-6 bis 10-(12) Wochen mit Exanthemen (meist stammbetont) sowie Enanthemen mit Auftreten einer Angina specifica, schmerzloser Vergrößerung der Lymphknoten sowie an den Schleimhäuten von Mund, Anus und im Vaginalbereich feuchte Papeln (Condylomata lata) mit zahlreichen Treponemen. Auffällig kann auch eine Alopecia specifica areolaris sein, im Haar- und Bartbereich finden sich himbeer- bis blumenkohlähnliche Papillome. Am seitlichen Hals werden Depigmentierungen („Halsband der Venus“) und an den Fußsohlen und Plantarflächen der Hände eine übermäßige Hornhautbildung (Clavi syphilitici) beobachtet. Im Stadium II ist eine Augenbeteiligung z.B. eine bilaterale Form einer anterioren Uveitis möglich. Nach etwa zwei Jahren klingen die Hauterscheinungen ab. Nach einigen Jahren der Latenz (Lues latens seropositiva) kann das Tertiärstadium (Lues III) eintreten mit Beteiligung der Aorta (Mesaortitis luetica, Aneurysmen), Myokarditis sowie mit ulzerierenden granulomatösen Veränderungen aller Organe (Gummen, schmerzlose Tumore von elastischer Konsistenz mit zentraler Einschmelzung) und tuberösen Hautveränderungen. Im Spätstadium kommt es zur Neurolues (ZNS) mit Tabes dorsalis (Degeneration der Hinterstränge des Rückenmarks, lanzierende Schmerzen im Unterbauch und den Beinen; ca. 20 Jahre nach Erstinfektion), syphilitischer Meningitis mit Parästhesien und Paraplegie, Hemiplegie und Hemiparesen, Aphasie und Krampfanfällen. Nach 15-20 Jahren entwickelt sich eine progressive Paralyse (Argyll-Robertson-Phänomen mit Beeinträchtigung der Lichtreaktion bei erhaltener Konvergenzreaktion) mit Todesfolge nach ca. vier bis fünf Jahren. Im Verlauf der hämatogenen Dissemination ist auch ein Befall der Leber möglich, die Folge ist eine Hepatitis mit z.T. Übergang in eine Zirrhose. Gumma manifestieren sich ebenfalls in der Leber. Schwangerschaft
Bei Erwerb der Infektion in der Schwangerschaft erkrankt das Kind in utero (konnatale Lues), ein
diaplazentarer Übertritt der Treponemen ist in jedem
Schwangerschaftsstadium möglich (70-100% bei primärer
Syphilis, ca. 70% bei sekundärer, 40-80% bei früh latenter
und 10% bei spät latenter Syphilis). Es werden praktisch alle
Organe infiziert, etwa 50% aller Feten sterben ab, die übrigen
zeigen postpartal verschiedene Erkrankungsformen. Ca. 60% der Kinder
sind bei Geburt asymptomatisch. Kongenitale Pneumonien werden
beobachtet.Neugeborenes: Frühform innerhalb der ersten beiden Lebensjahre vor allem in den ersten Lebensmonaten mit Haut- und Schleimhautveränderungen, Osteochondritis syphilitica, Anämie und Hepatosplenomegalie. Die Spätform manifestiert sich gewöhnlich kurz vor der Pubertät mit der Hutchinson-Trias (Keratitis, Zahndeformationen, Taubheit), sowie Neurolues und kardiovaskuläre Läsionen. Diagnostik
Eine Routinetestung erfolgt bei Schwangeren,
Blutspendern, Personen mit der Diagnose einer sexuell
übertragbaren Erkrankung einschließlich HIV oder bei
Personen mit dem Risiko, eine solche Erkrankung zu erwerben (z.B.
Partner), Personen mit Hepatitis B bzw. C, bei V.a. Neurolues
(plötzlicher Seh- oder Hörverlust, Meningitis).3
Ein Nachweis von T.pallidum gelingt im Dunkelfeldmikroskop
(unspezifisch, z.B. Verwechslung mit oralen, apathogenen
Spirochäten) oder spezifisch über PCR.4 Der
serologische Nachweis erfolgt primär über Suchteste wie
Enzymimmunoassay, Treponema-Pallidum-Partikelagglutinationstest (TPPA),
evtl. Wiederholung ein bis zwei Wochen nach negativem Testausfall. Bei
positivem Befund Bestätigungstest z.B. FTA-Absorptionstest
(IgG-FTA-ABS-Test), zusätzlich Cardiolipin-KBR oder VDRL-Test
(Lipoid-Ak) und/oder 19s-IgM-FTA-ABS-Test. Ein negativer IgM-Befund
schließt eine aktive, behandlungsbedürftige Lues nicht aus,
ebenso wenig ein negativer oder niedrigtitriger VDRL bzw. eine
Cardiolipin-KBR. Zusätzlich ist ein Immunoblot notwendig. Eine
Bestätigung muss in einer zweiten Blutprobe erfolgen. Diagnostik
der angeborenen Syphilis: Nachweis von IgM-Antikörpern
(Immunoblot) oder positiver PCR-Befund beim Neugeborenen.
Titerkontrollen nach 1, 2, 3, 6 und 12 Monaten bzw. bis ein negatives
Ergebnis erzielt wird. Diagnostik der Neurolues: Nachweis einer
intrathekalen Antikörpersynthese, Bestimmung der Funktion der
Blut-Liquor-Schranke mittels Albumin-Quotient und
Gesamteiweißbestimmung.Prävention, Therapie, Meldepflicht
Eine große Bedeutung hat die Prävention durch
Expositionsprophylaxe und Aufklärung erkrankter Personen sowie der
Kontaktpersonen. Zur Therapie wird primär Penicillin
[Benzylpenicillin-Benzathin (TARDOCILLIN u.a.); relativ schlechte
Liquorgängigkeit] oder Procain-Penicillin (PROCAIN-PENICILLIN
STREULI, Schweiz) eingesetzt. Alternativen sind Ceftriaxon (ROCEPHIN
u.a.), Doxycyclin (DOXYHEXAL u.a.) oder Azithromycin (ZITHROMAX u.a.),
wobei über Resistenzen gegen Azithromycin berichtet wird.5,6
Zur Prävention einer Jarisch-Herxheimer-Reaktion kann Prednisolon
(DECORTIN H u.a.) 24h vor Therapiebeginn über insgesamt drei Tage
gegeben werden. Eine nichtnamentliche Meldepflicht einer akuten oder
zuvor nicht erkannten aktiven Erkrankung besteht nach §7 IfSG.1. VOLTAIRE. Candide,
DTV 2009 2. NN. Epidemiol Bulletin 2009; 503 - 507 3. FRENCH, P. et al. Int J STD AIDS 2009; 20: 300 - 309 4. HEYMANS, R. et al. J Clin Microbiol 2010; 48: 497 - 502 5. LUKEHART, S.A. et al. N Engl J Med 2004; 351: 154 - 158 6. MARTIN, I.E. et al. J Clin Microbiol 2009; 47: 1668 - 1673 |