| Die Oralcephalosporine haben wegen ihrer Wirksamkeit,
guten Verträglichkeit und einfachen Verabreichung einen hohen Stellenwert
in der Therapie von bakteriellen Infektionskrankheiten. Sie besitzen ganz
besonders für die Behandlung von Kindern eine große Bedeutung,
weil einige bei Erwachsenen bewährte antibakterielle Chemotherapeutika
wie z.B. die Chinolone oder die Tetrazykline für die Therapie bei
Kindern nicht oder nur eingeschränkt zugelassen sind.
In Deutschland und in den deutschsprachigen Nachbarländern sind
mindestens zehn Oralcephalosporine zugelassen (Tab. 1), die zwar im Wirkungsmechanismus
übereinstimmen, sich aber hinsichtlich mikrobiologischer und pharmakokinetischer
Wirksamkeit und Verträglichkeit unterscheiden. Hinzu kommen zahlreiche
Generika und Reimporte. Weiterhin wird das einzige orale Carbacephem Loracarbef
aus praktischen Gründen zu den Oralcephalosporinen gerechnet. Aus
alledem ergibt sich, dass hierzulande über 60 Handelspräparate
von oral verabreichbaren Cephalosporinen zur Verfügung stehen. Für
den behandelnden Arzt kann eine Einteilung deshalb hilfreich sein, die
ihn in seiner Therapieentscheidung unterstützt.
Von einer Expertengruppe der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie
(PEG) wurde deshalb vorgeschlagen, die Oralcephalosporine unter primärer
Berücksichtigung des antibakteriellen Spektrums in drei Gruppen einzuteilen.
Es bestehen natürlich Korrelationen zwischen der chemischen Struktur
und der antibakteriellen Aktivität bzw. gewissen pharmakokinetischen
Eigenschaften. So sind zum Beispiel alle Cephalosporine der Gruppe 3 nicht
nur besonders wirksam im gramnegativen Bereich des Spektrums, sondern sie
stellen auch alle sogenannte Aminothiazol-/Oxim-Derivate dar, während
die Cephalosporine der Gruppen 1 und 2 als Glycyl-Cephalosporine bezeichnet
werden können (Ausnahme: Cefuroximaxetil). Schließlich sei darauf
hingewiesen, dass Cefuroximaxetil, Cefpodoximproxetil und Cefetametpivoxil
als Esterverbindungen vorliegen (Prodrug-Cephalosporine). Sie werden nach
der Resorption in der Mucosa des Dünndarms gespalten, dadurch werden
die aktiven Molekülbestandteile freigesetzt. Die Bioverfügbarkeit
dieser Cephalosporine läßt sich durch Nahrungsaufnahme verbessern.
Ein Nachteil ist der bittere Geschmack, der sich auch durch aromatische
Saftzubereitungen nicht völlig beseitigen läßt.
Die Reihenfolge der Oralcephalosporine innerhalb einer Gruppe (s. Abbildung)
soll die ansteigende In-vitro-Aktivität auf der Grundlage der minimalen
Hemmkonzentrationen in Bezug zu den bei den Hauptindikationen vorkommenden
Erregern verdeutlichen. Pharmakokinetische Parameter und Dosierungsempfehlungen
sind in Tabelle 1 angegeben.
Wie immer gibt es, wenn Grenzen gezogen werden, Übergänge. So
könnte Cefaclor auch zur Gruppe 2 gerechnet werden und Cefpodoximproxetil
mit einer Aktivität gegen S. aureus, die geringer als die von Cefuroximaxetil
ist, aber größer als die von Cefetamet, Ceftibuten und Cefixim,
zwischen Gruppe 2 und 3 eingeordnet werden.
Oralcephalosporine der Gruppe 1
Oralcephalosporine der Gruppe 1 haben keine (Cefalexin, Cefadroxil) oder
nur eine eingeschränkte Aktivität (Cefaclor) gegen H. influenzae.
Hauptindikationen sind Haut- und Weichteilinfektionen und – mit Einschränkung
- auch Infektionen der Atemwege.
Oralcephalosporine der Gruppe 2
Die Aktivität von Cefprozil gegen S. aureus, S. pyogenes, S. pneumoniae,
H. influenzae und M. catarrhalis ist etwas stärker als die von Cefaclor;
gegen E. coli, K. pneumoniae und P. mirabilis ist Cefprozil weniger aktiv
als Cefaclor.
Loracarbef ist strukturell eng mit Cefaclor verwandt. Es ist in vitro
sehr stabil und besitzt eine bessere Pharmakokinetik und ein verbreitertes
Wirkungsspektrum. Die Wirksamkeit gegen Staphylokokken ist etwas schwächer
als bei Cefaclor. Die Hauptindikationen sind bakterielle Atemwegs-, Haut-
und Weichteilinfektionen sowie unkomplizierte Harnwegsinfektionen. Für
die kalkulierte Therapie der Otitis media bei Kindern kann Loracarbef aufgrund
unzureichender Studien nur bedingt empfohlen werden. Loracarbef ist für
das erste Lebenshalbjahr nicht zugelassen.
Cefuroximaxetil hat eine höhere ß-Laktamasestabilität
und damit ein erweitertes antibakterielles Spektrum. Es kann bei bakteriellen
Infektionen der oberen (einschließlich Otitis media) und unteren
Atemwege, Haut- und Weichteilinfektionen sowie Harnwegsinfektionen eingesetzt
werden. Außerdem ist es für die Behandlung des ersten Stadiums
der Lyme-Borreliose (Erythema migrans) geeignet.
Oralcephalosporine der Gruppe 3
Die Oralcephalosporine der Gruppe 3 haben eine höhere Aktivität
und ein breiteres Spektrum gegen gramnegative Erreger als die der Gruppe
2. Demgegenüber steht jedoch die geringere Aktivität gegen grampositive
Erreger. Gegen Staphylokokken besitzt Cefpodoximproxetil eine mittlere
Aktivität (s.o.), während Cefetametpivoxil, Ceftibuten und Cefixim
unwirksam sind. Darüber hinaus hat Ceftibuten auch gegen Pneumokokken
und B-Streptokokken nur eine eingeschränkte Wirksamkeit. Andererseits
sind die verlängerte Halbwertzeit und die hohe ß-Laktamasestabilität
des Ceftibutens von Vorteil.
Indikationen für Cephalosporine der Gruppe 3 sind vor allem komplizierte
Infektionen der Atemwege, wenn nicht Staphylokokken als Erreger erwartet
werden, und Krankheiten durch Enterobacteriaceae wie Harnwegsinfektionen
und Infektionskrankheiten immundefizienter Patienten. Cephalosporine der
Gruppe 3 eignen sich auch zur Sequenztherapie, also wenn nach Einleitung
einer parenteralen Therapie die Behandlung per os fortgesetzt werden soll.
Außerdem ist Cefixim für die Behandlung der unkomplizierten
Gonorrhö zugelassen.
Zusammenfassung
Die Oralcephalosporine wurden von einer Expertengruppe der PEG in drei
Gruppen eingeteilt. Dies erfolgte unter primärer Berücksichtigung
des antibakteriellen Spektrums. Von praktischer Bedeutung ist unter anderem
die Tatsache, dass einige der neueren Substanzen nicht mehr ausreichend
gegen Staphylokokken wirksam sind. Insgesamt stellt die Einteilung eine
sinnvolle Maßnahme dar, um diese relativ umfangreiche Arzneimittelgruppe
übersichtlicher zu machen.
SCHOLZ,
H., NABER, K.G und die Expertengruppe der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für
Chemotherapie e.V. Chem. J. 1999; 8: 227-229 |