Informationen für
Ärzte und Apotheker zur rationalen
Infektionstherapie
Neue europäische Leitlinien zu tiefen
Atemwegsinfektionen
(aus
ZCT 1-2012)
Eine
Expertengruppe der Europäischen Gesellschaft
für Atemwegserkrankungen (ERS) und
der Gesellschaft für Klinische Mikrobiologie und
Infektionskrankheiten (ESCMID)
hat eine überarbeitete Version der zuletzt 2005
publizierten Leitlinien zum
Management von Infektionen der tiefen Atemwege
veröffentlicht. Insgesamt 477
Publikationen bis zum Mai 2010 zu derartigen Infektionen
wurden in diesen
Leitlinien berücksichtigt; erarbeitet wurde eine
Kurzversion über 21 Seiten und
eine umfangreiche elektronische Version.
Erwartungsgemäß sind kaum
Veränderungen in den jeweiligen diagnostischen und
therapeutischen Empfehlungen
vorgenommen worden, da sich in den letzten fünf
Jahren insbesondere im
Therapiebereich keine neuen Aspekte wie z.B. neue
Antibiotika angeboten haben.
Die
europäischen Experten übernehmen nicht den
2005 in den amerikanischen
Leitlinien eingeführten Begriff
Health-Care-Associated Pneumonia (HCAP), da sie
zur Zeit die Datenlage für nicht ausreichend
halten, um diese
Pneumoniedefinition in Europa einzuführen.
Weiterhin wird kurz Stellung bezogen
zu Pneumonien, die durch Methicillin-resistente S.
aureus-Stämme im ambulanten
Bereich (CA-MRSA) verursacht werden. Hier wird eine
Kombinationstherapie aus
Vancomycin (diverse Warenzeichen) mit Clindamycin
(SOBELIN u.a.) oder Linezolid
(ZYVOXID) empfohlen, da viele dieser Stämme Toxine
produzieren und deshalb eine
Toxin-inhibierende Substanz sinnvoll erscheint. Orale
Cephalosporine werden
skeptisch hinsichtlich ihrer Effektivität bei
Atemwegsinfektionen beurteilt,
insbesondere wenn die Erreger MHK-Werte von > 2 mg/l
gegenüber Penicillinen
aufweisen.
Keine
Änderung gibt es bei der Empfehlung bezüglich
der Erstlinientherapie im
ambulanten Bereich von tiefen Atemwegsinfektionen.
Unverändert werden Amoxicillin
(zahlreiche Präparate) oder Tetrazykline
(zahlreiche Präparate) empfohlen; bei
bekannter Allergie gegen diese Substanzen sollte auf
Makrolid-Antibiotika
ausgewichen werden. Von Bedeutung ist allerdings bei der
Wahl von Makroliden,
dass die lokalen Resistenzraten gegenüber den
häufigsten Erregern, insbesondere
Pneumokokken, bekannt sind. In Deutschland sind
bekanntlich die Resistenzraten
von Pneumokokken gegenüber Makrolidantibiotika nach
Einführung der
Pneumokokken-Konjugatimpfung im Jahre 2006
zurückgegangen.
Die
Empfehlungen zur initialen antibiotischen Therapie bei
stationär behandelten
Patienten haben sich ebenfalls kaum geändert. Bei
Patienten auf einer
Normalstation werden Aminopenicilline mit oder ohne
Betalaktamase-Inhibitoren ± Makrolide empfohlen, gefolgt
in gleichberechtigter Position
von Cefotaxim (CLAFORAN u.a.) oder Ceftriaxon (ROCEPHIN
u.a.) ± Makrolidantibiotika,
Levofloxacin (TAVANIC u.a.),
Moxifloxacin (AVALOX u.a.) sowie Penicillin G (diverse
Warenzeichen) ± Makrolide. Ertapenem
(INVANZ) wird nur bei Verdacht
auf Infektionen durch gramnegative Erreger, allerdings
ohne Risikofaktoren für
Pseudomonas aeruginosa empfohlen. Patienten mit schwerer
Pneumonie und zumeist
intensivmedizinischer Behandlung sollten bei nicht
vorhandenen Risikofaktoren
für P. aeruginosa eine Kombination aus einem nicht
Pseudomonas-wirksamen Cephalosporin
der Gruppe III mit einem Makrolid erhalten oder
Moxifloxacin bzw. Levofloxacin ± einem solchen Cephalosporin.
Bei Existenz von
Risikofaktoren für Pseudomonas aeruginosa werden
unverändert empfohlen ein Pseudomonas-wirksames
Cephalosporin oder ein Acylureidopenicillin plus
Betalaktamase-Inhibitor oder
ein Carbapenem plus Ciprofloxacin oder plus Makrolid
plus
Aminoglykosid-Antibiotikum. Eine Gabe von
Kortikosteroiden bei der
Pneumoniebehandlung wird nicht als sinnvoll beurteilt.
Abschließend empfehlen
die Experten nachdrücklich die Influenza- und
Pneumokokkenvakzinationen;
insbesondere sollten Personen, die beruflich ältere
Patienten oder andere
Risikogruppen betreuen, unbedingt eine
Influenza-Vakzination erhalten.